Review: Rotting Demise – The Unholy Veil of Silence

RDD
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Album Cover

Am 4. Oktober 2025 erschien mit The Unholy Veil of Silence das zweite Album der Gelsenkirchener Rotting Demise in Eigenregie. Es gibt Alben, bei denen mir einzelne Songs gefallen. Es gibt Musiker, deren instrumentales Können ich respektiere. Und dann gibt es offenbar Bands, bei denen ich irgendwann festgestellt habe, dass ich eigentlich ganz gerne selbst mit auf der Bühne stehen würde.

Aber der Reihe nach.

Musikalisch gefällt mir vor allem, wie selbstverständlich die Band durch ziemlich unterschiedliche Songparts geht. Gerade für eine noch junge Band wirken die Übergänge erstaunlich routiniert. Es entsteht nicht der Eindruck, dass hier möglichst viele Ideen in einen Song gestopft wurden, um Vielseitigkeit zu demonstrieren. Die Wechsel ergeben musikalisch Sinn und lassen die Stücke trotz ihrer Bandbreite zusammenhängend wirken.

Das gilt auch für den Gesang. Die Vocals wechseln stilvoll zwischen mittelhohem, teilweise fast erzählerischem Gekeife und rhythmisch eingesetzten gutturalen Growls. Bei den spitzen hohen Schreien weiß ich, wo sie herkommen und wie sie gemeint sind. Persönlich hätte ich trotzdem lieber gehört, wie die Pig Squeals des ersten Albums weiterentwickelt werden. Das ist allerdings eher persönliche Vorliebe als Kritik. Ich kann gut respektieren, dass diesmal offenbar größere vokale Variation wichtiger war.

Überhaupt erweitert die Band ihre Klangwelt immer wieder, ohne dass das nach „Guck mal, was wir auch noch können“ klingt. Synthesizer geben einigen Stellen einen cineastischeren Charakter. Der Titeltrack The Unholy Veil of Silence beginnt mit Akustikgitarre und Streichern, und mit Remembrance of the Dead steht am Ende ein Instrumental, das der Bandbreite des Albums ebenfalls ausgesprochen gut tut.

Interessanter wurde es für mich allerdings, als ich mich mit den Texten beschäftigt habe. Die Band hat mir dafür ausführliche eigene Interpretationen der Stücke zur Verfügung gestellt. Das ist in diesem Fall hilfreich, denn unter der ziemlich unmissverständlichen satanischen Symbolwelt steckt mehr als eine simple Umkehrung sogenannter christlicher Werte.

Luzifer steht nach Lesart der Band nicht für möglichst viel Gewalt, Chaos und hemmungslosen Hedonismus. Er dient vielmehr als Symbol für Widerstand gegen religiösen Dogmatismus, für Selbstbestimmung statt manipulativer Kontrolle und letztlich auch für menschliche Eigenverantwortung. God’s Falling Kingdom beschreibt Satan entsprechend als symbolischen Ankläger und Zerstörer von Dogmatik, während Lucifer’s Dawn daraus beinahe ein Hohelied auf das selbstbestimmte Individuum macht.

Interessant finde ich daran vor allem die Ironie: Rotting Demise benutzen ausgerechnet die Symbolwelt des biblischen Teufels, um Macht und deren Missbrauch anzuklagen.

Besonders deutlich wird das im Titeltrack. The Unholy Veil of Silence beschäftigt sich laut Band mit sexuellem Missbrauch und Machtmissbrauch in religiösen Institutionen sowie mit dem Schweigen darüber. Die Interpretation der Band ist dabei eindeutig: Der Song versteht sich als Parteinahme für Betroffene und richtet sich gegen eine nach außen getragene Heiligkeit, hinter der Autorität zum Instrument des Missbrauchs werden kann.

Damit könnte The Unholy Veil of Silence ein ziemlich eindimensionales antireligiöses Manifest werden. Wird es aber nicht, denn daneben gibt es eine zweite große Säule: Trauerarbeit.

Death Hunts Us All steht im Zusammenhang mit dem Tod von Heike „Hydra Gorgonia“ Grenzius, mit der Sänger Silence früher bei Atrium Noctis gearbeitet hatte. Laut Band begleiteten überhaupt mehrere persönliche Verluste die Entstehung des Albums. In Monument Without Fears stehen dem Tod wiederum Liebe, Fürsorge und die Verbundenheit mit nahestehenden Menschen gegenüber. Und Remembrance of the Dead braucht schließlich gar keine Worte mehr, sondern lässt das Album als instrumentale Erinnerung an Verstorbene ausklingen.

Liebe als Antwort auf Vergänglichkeit.

Das ist für mich letztlich der interessantere Mittelfinger gegen Prediger der Moral, die Schutzbefohlene missbrauchen, als jedes umgedrehte Kreuz es sein könnte.

Differenziert ist die Religionskritik von Rotting Demise dabei nicht. Sie ist radikal und will offensichtlich auch radikal sein. Ich kann nachvollziehen, woher diese Wut kommt, ohne deshalb jede Aussage der Band zu meiner eigenen machen zu müssen. Und ich könnte jetzt wahrscheinlich noch seitenlang akademisch über Religionskritik, Satanismus, institutionelle Macht und die Umdeutung christlicher Symbolik referieren.

Aber irgendwann kann ich auch aufhören, darüber zu philosophieren. Am Ende ist es immer noch Musik. Und die unterhält mich.

Rotting Demise belassen ihre Ideen erfreulicherweise auch nicht im Booklet. Nachdem ich mir Fotos und Livevideos der Band angesehen habe, ergibt das Gesamtbild noch mehr Sinn. Corpsepaint, volle Montur, Bühnendarstellung – da steckt sichtbar Liebe zum Detail drin. Man hat nicht den Eindruck, dass ein paar Musiker für ein Foto schnell schwarze Klamotten angezogen haben, sondern dass die Optik genauso zur Band gehört wie Musik und Texte.

Und damit bin ich wieder bei dem Gedanken, den ich beim Beschäftigen mit The Unholy Veil of Silence irgendwann hatte:

Rotting Demise ist eine Band, in der ich selbst aus musikalischen, ästhetischen und weltanschaulichen Gründen spielen würde.