Am Freitag, den 18. September 2026, erscheint das neue Muff Potter Album „Klepto“. Muff Potter sind dafür bekannt Grenzen zu überschreiten und aufzulösen. Dies tun sie auch bei „Klepto“. Die Songs entscheiden sich nicht sofort, sie kippen, sie öffnen sich. Der Song „Ein starkes Stück“ definiert das Prinzip, indem er in der zweiten Hälfte fast unbemerkt von E-Dur zu E-Moll wechselt, um schließlich in einem wilden Showdown zwischen beiden Tonarten zu oszillieren. Diese Offenheit wird zum programmatischen Kern der neuen Platte: ein Zustand, in dem Dinge gleichzeitig eindeutig und uneindeutig sein dürfen, in dem Haltung und Ambivalenz keine Gegensätze sind. „Uneindeutigkeit kann produktiv sein – solange sie nicht zur Ausrede wird. Manchmal braucht es einen klaren Satz.“
„Diese Spannung, diese doppelten Böden, das ist für mich die Essenz von Muff Potter“, sagt Sänger Thorsten Nagelschmidt. Ein Referenzrahmen dafür ist der Begriff der Bipolarität: nicht als Pose, sondern als produktive Reibung. Weiter trägt auch der Titel „Klepto“ seine Bedeutung durch das gesamte musikalische Werk. Es wird sich aus dem Besten bedient, so schreiben es Muff Potter. „Klepto“ funktioniert dabei wie eine postmoderne Matroschka. In ihren Schichten finden sich Verweise auf das eigene Werk ebenso wie auf externe Stimmen: von James Baldwin und Joan Didion, von Erasure über Grauzone bis hin zur Dark-Jazz-Formation Bohren & der Club of Gore. Dabei vermeidet die Platte die Falle selbstreferentieller Fußnotenmusik. Die Referenzen sind keine Zitate um ihrer selbst willen, sondern Teil eines lebendigen Systems, das sich fortwährend weiterbewegt.
Aufgenommen wurde „Klepto“ von Gregor Hennig im Studio Nord Bremen, einem für die Band geschichtsträchtigen Ort. Hier wurde bereits 1996 die erste Muff Potter LP gemastert. Auch „Bei aller Liebe“ (2022), das erste Album nach ihrer Auflösung 2009 und der Rückkehr 2018, entstand im Studio Nord. Das Album erscheint auf dem bandeigenen Label Hucks Plattenkiste, das es fast so lange gibt wie die Band selbst, gemischt wurde das Album, wie der Vorgänger, von Joe Joaquin. Die Aufnahmen fanden in zwei Sessions im Mai und September 2025 statt, ein Großteil der Songs wurde gemeinsam und live in einem Raum eingespielt und später punktuell mit Overdubs ergänzt.
„Klepto“ beginnt mit dem Song „Taliban of the Week“, welcher sich ganz gemächlich erst aufbauen muss. Er handelt von Veränderungen die man laut der Gesellschaft machen muss. „Dieses ganze Mitarbeiter des Monats- und Superlative-Ding, der Zwang, sowohl einzigartig als auch maximal angepasst zu sein, steckt in dieser Phrase“, so Nagelschmidt. „Der Begriff verbindet das Extreme mit dem Konformen.“
Weiter geht es dann mit „Rückflug aus Montana“, welches als erste Single ausgekoppelt wurde. Dieser Song kommt schon mit mehr Ecken und Kanten daher als sein Vorgänger und bleibt doch der Bipolarität treu. Im Outro ist Carrie Fisher zu hören, die in „The Secret Life of the Manic Depressive“ von manischen Höhenflügen erzählt. Genau diese Emotion verkörpert „Rückflug aus Montana“ auch. Inhaltlich dreht der Song irgendwie um eine Beziehung aber auch Erwartungen die andere Menschen an einen selbst stellen.
Auch „Hast du den Müll schon raus gebracht“ wurde bereits als Single veröffentlicht. Dieser kommt musikalisch wesentlich leichter und, von der Tonart her, optimistischer daher, wobei der Inhalt wieder über Erwartungen die man Erfüllen muss handelt und somit kein optimistisches Thema eigentlich ist. Laut Muff Potter soll es ein versöhnlicher Broken-Heart-Song sein, was mit der Zeile „Komm, das kriegen wir wieder hin“ auch verständlich wäre.
Dann sind wir auch schon bei „Ein starkes Stück“ angekommen, welches wie anfangs erwähnt einen irrsinnigen Tongeschlechtswechsel hat. Als weitere besondere Eigenschaft ist auf jeden Fall die Verwendung des Theremins zu erwähnen, welches vom Bassisten der Band Pisse (Zappel) gespielt wird. „Und die Nacht brach still herein“ baut sich wie „Rückflug aus Montana“ sehr langsam auf und braucht seine Zeit um sich zu entfalten. Wirklich eindeutige Konsum- und Kapitalismus-Kritik gibt es dann bei „Engelstränen im Abendlicht“ zu hören. Zwar bleibt die Kernaussage in typischer Muff Potter-Manier noch schön umschrieben und doch kann man bei Zeilen wie „BMI, BIP – was euch geil macht, tut mir weh“, klar die Message dahinter erkennen.
Bei „Hinter den Bergen, am Rande der Welt“ gibt es einen weiteren Gastbeitrag, diesmal durch den Instrumentalmusiker Lambert. Dieser singt jedoch statt zu spielen. Lambert hatte bereits 2025 zusammen mit Sänger Thorsten Nagelschmidt das auf dessen gleichnamigen Roman basierende Album „Nur für Mitglieder“ veröffentlicht. So langsam neigt sich dann „Klepto“ seinem Ende zu.
Ein wiederkehrendes Thema ist das einer individuellen wie gesellschaftlichen Aufrüstung und Verpanzerung. In „Freaks & Geeks & Spinner“ heißt es in einem erweiterten Reinhard-Mey-Zitat: „Nein, meine Söhne und Töchter geb ich nicht.“ Zugleich ist der sich mehrfach häutende und in einem atemlosen Sprechgesang gehaltene Song eine Hommage an die Widerspenstigkeit und an die Schrulle – und an all jene, die nicht ins Raster passen. Schon der Titel kann als Verbeugung vor Chers „Gypsies, Tramps & Thieves“ gelesen werden, weitere Autoren, Bands und Künstlerinnen wie Hildegard Knef, Walter Benjamin, Roberto Bolaño, Ton Steine Scherben oder Nina Simone werden hier nicht einfach zitiert, sondern miteinander in Schwingung versetzt. Stilistisch erinnert der Song auch ein wenig an neuere Songs der Goldenen Zitronen. Des Weiteren ist „Freaks & Geeks & Spinner“ eng verwoben mit der A-Seite „Die Playlist läuft“ der Zusatz Single aus der „Klepto“ Vinyl Special Edition. Textlich wie musikalisch, bis hinein in das Gitarrenriff. Beide teilen dieselbe Grundidee: eine Huldigung des Schrägen, des Abseitigen, des Unkalkulierten. Während „Freaks & Geeks & Spinner“ diese Perspektive in drei erzählerischen Varianten auffächert, setzt „Die Playlist läuft“ sie fort – als Kommentar auf eine Gegenwart, in der für genau solche Abweichungen immer weniger Platz zu sein scheint. Um die Bonus-Single dann auch zu vervollständigen: Die B-Seite gehört „Königsesch“, dem persönlichsten Stück aus dem „Klepto“-Kosmos. Benannt nach dem Friedhof, auf dem der frühere Muff-Potter-Gitarrist Dennis Scheider begraben liegt, setzt sich der Song mit dessen Tod im März 2025 auseinander. Über fünfeinhalb Minuten entfaltet sich ein Stück, das die Absurdität des Lebens nicht nur berührt, sondern ihr direkt gegenübertritt – und gleichzeitig die gemeinsame Zeit feiert. Am Ende ist Scheider selbst zu hören: ein kurzes Sample, in dem er herumalbert – ein Moment, in dem Erinnerung und Leichtigkeit, Verlust und Nähe zusammenfallen. Ein wirklich, emotionales und doch passendes Ende für ein solches Album.
Den Abschluss der „normalen“ LP „Klepto“ macht „So wie’s jetzt ist, wird’s nicht für immer sein“. Sehr soft und poppig verabschiedet sich dieser Song von seinen Hörern mit Worten wie: „Jetzt wo der Tag geschafft ist“.
Auch wenn sich „Klepto“ stilistisch weit öffnet, steht immer die Band Muff Potter im Zentrum. Gemeinsam bewegen sie sich durch unterschiedliche Soundräume: sphärische Passagen mit längeren Instrumentalteilen stehen neben hymnischen, an 90er-UK-Rave erinnernden Momenten mit verspielten Bassläufen und Percussions, danceartig-zerhackte Vocals treffen auf aggressive E-Gitarren, dazwischen gibt es immer wieder klare Pop-Momente mit zwölfsaitigen Akustikgitarren oder unerwartete rhythmische Verschiebungen wie einen programmierten Beat im 3/4-Takt. Trotz dieser Vielfalt bleibt alles bewusst ungeschliffen: Es klappert, klingelt, rasselt – und genau darin liegt die Lebendigkeit dieser Aufnahmen. „Klepto“ ist ein typisches Muff Potter-Album im Besten Sinne. Es ist verspielt und vielschichtig, sowohl auf textlicher als auch musikalischer Ebene. Es schreit einem nicht ins Gesicht was es sagen will, sondern es kommt ganz gemächlich durch die Hintertür hinein.





