Am 18. September 2026 erschien mit Wasteland das Debütalbum der Berliner Dekadenza. Cello und Saxophon im Metal reichen erst einmal hervorragend für einen Pressetext. Zwei Instrumente, die man in dieser Kombination nicht unbedingt in einer Metalband erwartet, und schon ist das Alleinstellungsmerkmal gefunden. Entscheidend ist für mich allerdings, ob eine ungewöhnliche Besetzung über das Gimmick hinauskommt. Und genau da wird Wasteland interessant.
Die Band selbst nennt ihren Stil Epic Groove Metal. Das ist als Schublade wahrscheinlich so brauchbar wie jede andere, beschreibt aber nur bedingt, was auf diesem Album tatsächlich passiert. Da stehen klassische Passagen neben Funk, sogar Jazz lugt immer wieder um die Ecke, dazu kommen Hard Rock, Metal und eine ziemlich deutliche Portion Rock’n’Roll. Das könnte fürchterlich gewollt klingen. Erstaunlich oft tut es das aber nicht.
Gerade als Musiker finde ich einige Stellen fast genial. Mein mittlerweile liebster Song Not Alike ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel. Das klassisch anmutende Outro lässt mich unmittelbar an Pachelbels Kanon denken, während die Solosektionen für mich beinahe wie ein Wechselgespräch zwischen den Instrumenten funktionieren. Das Entscheidende ist aber, dass ich diese ganzen Einzelheiten zwar heraushören und analysieren kann, es beim Hören aber nicht muss. Der Song wirkt nie wie eine Demonstration dessen, was fünf Musiker alles können. Die unterschiedlichen Klangfarben werden Teil einer gemeinsamen musikalischen Sprache.
Das ist umso bemerkenswerter, weil ich inzwischen weiß, dass genau darin für Dekadenza eine der größten Schwierigkeiten liegt. In unserer Bandvorstellung bei Tod und Teufel haben Raphy und Adry darüber gesprochen, dass Gitarre, Cello und Saxophon in teilweise ähnlichen Tonbereichen unterwegs sind. Die Frage ist deshalb nicht nur, was man spielen kann, sondern wer eine bestimmte Stimme übernimmt, wer darüber harmonisiert – und wer an einer Stelle besser gar nichts spielt. Raphy beschreibt es später noch einfacher: Irgendwann muss man lernen, ob etwas funktioniert oder nicht, und auch, wann man nicht spielen sollte.
Das gefällt mir als Gedanke schon deshalb, weil ich beim Hören zu einem ähnlichen Ergebnis komme. Die ungewöhnlichen Instrumente sind keine Dekoration, die man auf eine ansonsten gewöhnliche Metalband klebt. Cello und Saxophon bekommen eigene Funktionen, gleichzeitig sind aber auch Gitarre, Bass und Schlagzeug keineswegs nur dafür zuständig, das Fundament für die eigentlichen Attraktionen zu legen. Kara an der Gitarre, Ishay am Bass und Cosmo am Schlagzeug sind genauso Teil dieses Sounds. Gerade Bass und Schlagzeug tragen erheblich dazu bei, dass bei aller musikalischen Verspieltheit eben auch der Groove im Epic Groove Metal nicht verloren geht.
Und dann ist da noch Raphy selbst. Denn bei einer klassisch ausgebildeten Band mit Cello und Saxophon könnte man relativ schnell bei einer Musik landen, die ich vor allem intellektuell interessant finde. Raphys Stimme verhindert das. Der Rock’n’Roll kommt für mich zu einem erheblichen Teil durch seinen rotzigen Gesang hinein, und vor allem kann der Mann Refrains schreiben. Deadman, Decadent Night und wiederum Not Alike bleiben bei mir hängen.
Das passt ziemlich gut zu etwas, das Raphy uns im Gespräch über seine eigene Rolle erzählt hat. Das Cello verbindet er stärker mit klassischen und epischen Melodien, während seine Stimme für ihn das Rohe und Punkige ausdrückt. In meinem zweiten, deutlich intensiveren Gespräch mit ihm für MAKE METAL WILD AGAIN wurde auch klar, woher diese Gegensätze kommen. Raphy ist in einer klassischen Musikerfamilie aufgewachsen, hat diese Welt aber irgendwann um Metal und Punk erweitert. Apocalyptica waren für ihn dabei eine wichtige Erkenntnis: Das Cello musste nicht im Konzertsaal bleiben, sondern konnte genauso Bestandteil seiner Metalwelt werden. Er selbst beschreibt seine musikalische Arbeit heute sinngemäß als das Zusammenführen solcher Gegensätze.
Damit wären wir allerdings auch bei meinem größten Vorbehalt gegenüber Wasteland. Als Musiker kann ich mich teilweise ziemlich lange damit beschäftigen, was Dekadenza da eigentlich gerade machen. Als reiner Hörer werden meine Hörgewohnheiten an manchen Stellen etwas überstrapaziert. Wenn eine Band ein derart großes Vokabular besitzt, entsteht natürlich auch die Versuchung, es zu benutzen. Nicht jede ungewöhnliche Kombination packt mich deshalb gleichermaßen, und gelegentlich wünsche ich mir etwas weniger Information auf einmal.
Das ist für mich allerdings ein ziemlich interessantes Problem für ein Debütalbum. Denn ich frage mich nach Wasteland nicht, ob Dekadenza irgendwann eine eigene Identität finden werden. Die ist bereits da. Mich interessiert vielmehr, wie sie dieses Vokabular auf einem zweiten und dritten Album weiterentwickeln werden – welche Möglichkeiten bleiben, welche hinzukommen und vielleicht noch wichtiger: auf welche sie irgendwann ganz bewusst verzichten.
Und dann covern sie ausgerechnet Ace of Spades.
Es gibt Songs, bei denen es für mich beinahe ein Sakrileg ist, sie zu covern. Mr. Crowley von Ozzy Osbourne gehört dazu, The Unforgiven von Metallica ebenfalls, im deutschsprachigen Bereich Nur zu Besuch von den Toten Hosen oder Erinnerungen von den Onkelz. Wer sich an solche Stücke wagt, braucht für mich einen verdammt guten Grund, und bisher sind alle mir bekannten Versuche daran mehr oder weniger kläglich gescheitert.
Dekadenza hatten immerhin einen solchen Grund. Motörhead und Lemmy sind für diese Band keine beliebige Referenz, sondern Rock’n’Roll gehört hörbar zu ihrer musikalischen DNA. Das Cover ist auch keineswegs komplett misslungen. Gebraucht hätte ich es trotzdem nicht.
Und vielleicht ist ausgerechnet das ein größeres Kompliment, als es zunächst klingt. Denn zu diesem Zeitpunkt brauche ich keinen Coversong mehr, um von den Qualitäten dieser Musiker überzeugt zu werden. Ich möchte lieber hören, was Dekadenza mit ihren eigenen Ideen machen.
Wasteland klingt für mich deshalb weniger nach einer Band, die noch nach ihrer Identität sucht, als nach einer Band, die bereits ein außergewöhnlich großes eigenes Vokabular besitzt und gerade lernt, wie viel davon sie wann sprechen muss. Nicht alles daran funktioniert für mich als Hörer gleich gut. Aber wenn es funktioniert, wie in Not Alike, ist die Kombination stellenweise fast genial.
Und genau deshalb möchte ich wissen, wie Dekadenza auf Album zwei und drei klingen werden.





