Bei Kreaturenkrankheit hatte mich Nachtkreatur ziemlich schnell. Roher Sound, der an die gute alte Zeit der selbstgemachten Kassettenaufnahmen in den frühen 90ern erinnert, während der ich selbst noch zu jung war für derart kompromisslosen Black Metal. Dazu elektronische Elemente und eine sorgfältig aufgebaute visuelle Welt, welche die Codes der Szene stilvoll bedient. Das Problem: Fast genauso schnell wie ich die Veröffentlichung einordnen konnte, hatte ich das Gefühl, bereits alles verstanden zu haben.
Die physische CD ist sehr liebevoll gestaltet, falls man so ein Adjektiv im Black-Metal-Kontext überhaupt verwenden darf. Besonders das Logo mit den Schwingen gefällt mir. Beim Cover muss ich persönlich außerdem sofort an klassische Duo-Bilder denken, die es seit der Frühzeit des Genres zuhauf gibt. Fenriz und Nocturno Culto, Euronymous und Dead, Abbath und Demonaz. Dann übertreibt man es aber mit dem Konzept. Die Band heißt Nachtkreatur, das Album Kreaturenkrankheit. Das ist ungefähr so, als würden Iron Maiden ein Album Maiden England nennen.
Auch musikalisch habe ich einen Kritikpunkt und das ist ausdrücklich nicht die rohe Produktion. Im Gegenteil. Ich freue mich, dass dieser 90er-Kassetten-Sound heutzutage überhaupt noch irgendwo herumspukt und höre daher immer wieder mal gerne in neuen Raw Black Metal herein. Auch die elektronischen Elemente geben ihm zusätzlich eine eigene Note. Ich bin kein Purist und brauche es nicht immer besonders trve. Programmiert ruhig die Drums, wenn es künstlerisch passt, kein Problem.
Nur entwickelt Nachtkreatur diese Mischung für meinen Geschmack zu wenig weiter. Das Genre selbst ist außergewöhnlich. Das Album wiederum erstaunlich wenig, nachdem dieser Stil einmal etabliert worden ist. Nach wenigen Songs ist die Grundidee klar, und danach wird gerade bei einem Projekt, das sich als experimentell bezeichnet, erstaunlich wenig innerhalb dieser selbst geschaffenen Welt experimentiert. Ein außergewöhnlicher Rahmen, innerhalb dessen allerdings innere Innovation rar ist.
Ausgerechnet der abschließende Song Schlaflied bringt schließlich wieder die Variation, die mir vorher gefehlt hat. Plötzlich und endlich bekommt die Platte eine andere Farbe und meine Aufmerksamkeit ist wieder da. Nur eben ziemlich spät. Schon beim ersten Hören hatte ich deshalb den Gedanken, dass diese Klangästhetik in ihren (absichtlich?) engen Grenzen für mich wahrscheinlich besser auf EP-Länge funktioniert. Praktischerweise gibt es mit Kreaturen der Nacht genau so eine EP. Die werde ich mir als Gegenprobe noch einmal in Ruhe anhören. Allein der Titel reizt mich als KISS-Fan.
Fazit: Kreaturenkrankheit hat eine interessante Grundidee, die rohe Produktion ist absolut passend und die visuelle Identität stark. Für ein experimentelles Projekt bleibt mir das Album innerhalb seines einmal gefundenen Stils aber zu gleichförmig. Vielleicht weiß ich auch einfach nur kleinere Portionen davon zu schätzen, man muss das Album ja nicht am Stück hören.





