Die Oberhausener Blodtåke erfinden modernen Black Metal nicht gänzlich neu, verstehen auf Epitome of Solitude aber sehr gut, wie man innerhalb eines bekannten Vokabulars Spannung erzeugt.
Das beginnt bei den Vocals. Die hohen, stark „kopfstimmigen“ Fry Screams funktionieren für mich hervorragend. Besonders interessant sind die kontrollierten Wechsel ins mittlere Register, teilweise sogar innerhalb eines einzigen langen Schreis. Ich mache selbst solche Geräusche mit dem Mund und weiß, wie viel Übung es benötigt, die entsprechenden Resonanzräume über die Gesichtsmuskulatur anzusteuern.
Noch wichtiger ist für mich die Dynamik des Albums. Blodtåke wissen, dass sie nicht die ganze Zeit durchballern müssen. Ruhigere Passagen nehmen Tempo und Druck heraus, sodass die extremen Stellen anschließend auch wieder entsprechend wirken. So freue ich mich jedes Mal nach einer wundervoll verspielten, tief melancholischen Passage wieder auf die anschließend einsetzenden Blastbeat- und Doublebass-Gewitter, die dadurch wie regelrechte Eruptionen ausbrechen.
Textlich bin ich allerdings weniger begeistert. Ein Blick auf die Rückseite: Epitome of Solitude, From Ashes to Solitude, Solitude – bereits bei den Titeln lässt sich eine gewisse thematische Tendenz erkennen. Ich bin ja manchmal etwas schwer von Begriff, aber selbst ich habe verstanden, dass es um Einsamkeit geht. Dazu kommen natürlich Schnee, Frost, Wald, Dunkelheit und Verlorenheit.
Das Problem sind für mich nicht die Black-Metal-Klischees an sich. So was kann wunderbar funktionieren. Doch die Dosis macht das Gift. Und hier entsteht ein interessanter Gegensatz: Musikalisch entwickeln Blodtåke ihr bekanntes Vokabular ständig weiter. Spannung und Entspannung geben sich gegenseitig Bedeutung. Textlich empfinde ich diese Entwicklung deutlich weniger. Vielleicht habe ich auch nicht alles adäquat genug herausgehört. Ich lese grundsätzlich auch bei Extreme Vocals keine Lyrics, um mein Gehör zu trainieren.
Nichtsdestotrotz wirkt das Gesamtwerk für mich, trotz oder gerade wegen den häufigen Signalwörtern: Noch während ich mich über Schnee-, Wald- und Einsamkeitsklischees lustig mache, denke ich nämlich gleichzeitig: Das muss ich im Winter noch einmal hören. Bei frischem Schnee. Im halbdunklen Wald. Alleine mit Headset. Möglicherweise soll gerade diese von mir hervorgehobene Eintönigkeit einen meditativen Sog entfalten; dann wäre es als bewusst eingesetztes Stilmittel selbstverständlich genial und nicht nur ein erfreulicher Nebeneffekt mangelndem Einfallsreichtums.
Fazit: Musikalisch überzeugt mich Epitome of Solitude vor allem durch Dynamik, starke Vocals und das Gespür dafür, extremen Passagen durch Kontraste ihre Wirkung zu erhalten. Textlich hätte ich mir innerhalb der Motive mehr Entwicklung gewünscht.





