Review: Massendefekt – Massendefekt

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9.6
Es gibt nichts was fehlt

Massendefekt feiern dieses Jahr ihren 25. Bandgeburtstag. Viele Bands nehmen solch ein Jubiläum zum Anlass ein Best-Of-Album rauszuhauen (was ja auch keine schlechte Idee ist). Doch nicht Massendefekt! Sie haben sich entschieden etwas Neues zu produzieren was ganz klar sie selbst sind. „Massendefekt“ ist ein Statement. Ein Ausdruck dessen, was diese Band seit einem Vierteljahrhundert ausmacht: Haltung, Freundschaft und die Lust, gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

Musikalisch zeigt sich das Album so direkt und ungefiltert wie lange nicht. Mit der klaren Ansage, einfach das zu machen, worauf sie Bock haben, ging die Band ins Studio. Produziert und aufgenommen größtenteils in Eigenregie, entstand ein Werk, das nah an der Band und am Moment ist. Der kreative Prozess lief so frei und intensiv wie selten zuvor, die Songausbeute entsprechend hoch. Für Mix und Master sorgte Michael Czernicki und gab dem Album den nötigen Druck: frisch, direkt und auf den Punkt.

„Bei der Produktion gab es diesmal keinen großen Masterplan. Wir wollten einfach die Songs machen, auf die wir selbst richtig Bock haben – und genau dadurch fühlt sich die Platte so facettenreich an.“

„Massendefekt“ beginnt mit einem absoluten Brecher! „Exit Strategie“ hat einfach alles was ein richtig guter Punk Song braucht: derbe Gitarren, ein nach vorn treibendes Schlagzeug, ein eingängiger Refrain, ordentlich heraus geschrien, und nicht zu wenig OhOhOhs. Wie der Titel schon vermuten lässt, handelt der Song darüber einfach mal auszubrechen und einen Scheiß auf Dinge und Menschen zu geben, die einem nicht gut tun.

Der zweite Song „Brandung“ geht genauso rasant weiter und erschien bereits als Single mit Video, welches in einem echt kultigen Skate-Shop gedreht wurde und dadurch auch zwar simpel gehalten ist, doch perfekt zum Thema passt. Denn es geht um Freundschaften und viele von uns (nehme ich nun an) haben diese Freundschaften in ihrer Jugendzeit gefunden auf irgendeinem Skateplatz. Ich wünsche jedem Menschen, dass er einen solchen Freund hat, wie es in „Brandung“ beschrieben ist. Der Fels der immer steht.

Etwas gefühlvoller wird es dann mit „20 Minuten“. Der Song strotzt von lauter Selbstzweifel und die Einsicht wie leicht man es selbst versaut und doch gibt „20 Minuten“ einem auch Kraft, denn man weiß, dass man mit den Zweifeln nicht allein ist.

A propos… „Allein“! Dies war die erste Single-Auskopplung und ich habe mich direkt beim ersten Hören in diesen Song verliebt, weil darin so viel steckt, was ich leider allzu oft fühle. Der Wunsch einfach mal allein zu sein mit seinen eigenen Gedanken. Raus aus dem Trubel der Stadt und aus all den Zwängen. Einfach einmal kurz die Zeit anhalten und durchatmen. Massendefekt haben diese Gedanken einfach in perfekte Worte und eine passende Intonation zusammengefasst. Wobei Letztere wesentlich düsterer und derber ist, als der Rest des Albums.

„Von allem immer viel zu viel
nur noch Druck und kein Ventil

Keine Menschen, keine Autos
keiner schreit mich an
Kein Stress, keine Meetings
und keinen Plan
Ich atme ein und vergess‘ die Sorgen
in den leeren Straßen früh am Morgen

[…] und für den Augenblick gehört die Welt nur mir allein!“

Als ich „Revolution X Alltag“ zum ersten Mal gehört habe, war ich erst einmal verwundert über die Bläser. Ein schöner Ska-Upbeat bei Massendefekt – ja klar! Aber diese Kombi kam nun unerwartet.

Ein Song der ebenfalls einfach direkt in mein Herz geschossen ist, ist „Voll daneben, halb OK“. Der Song handelt darüber irgendwie dieses Leben zu meistern und dabei immer wieder zu fallen und wieder aufzustehen.

„Und wenn ich fall‘ dann steh‘ ich schief
aber wenigstens steh‘ ich noch irgendwie“

Der eingängige Text, das Beschreiben von Gefühlen die wohl jeder von uns schon mal hatte und dazu eine eingängige Melodielinie und ein Rhythmus der nach vorne prescht. Alles perfekte Zutaten für einen richtig guten Song, wie ich finde.

Weiter geht es dann mit „Papageientaucher“ und was soll ich sagen: viel Spaß mit diesem Ohrwurm! Dieser Song wird live sowas von Abgehen! Kultig wird es dann mit „Unbedingt verpassen“, denn hier haben sich Massendefekt Unterstützung von Dritte Wahl geholt. Dazu kommt eine Aufzählung von Dingen die man unbedingt nicht mehr hören möchte und auf die man wirklich verzichten kann. Was man wiederum nicht verpassen sollte sind die vielen OhOhOhs zum Mitgröhlen in diesem Song.

Nachdem wir nun Kritik an uns selbst und der allgemeinen Situation durch haben kommt es nun zur Kritik an bestimmten Personen und Gruppen. In „Sag mir wie“ wird die Frage gestellt, wie manche Menschen schlafen können, wenn sie doch den ganzen Tag nur Scheiße produzieren und von sich geben. Bei „Theater“ wird es dann noch etwas spezieller. Denn hierbei geht es um eine Art von Person die wohl jede*r im Umfeld hat. Die Person die sich bei einem nur ausheult ohne Rücksicht darauf wie es einem selbst geht. Massendefekt liegen da vollkommen richtig: irgendwann muss damit auch mal Schluss sein.

„Ich bin nicht gegen dich
aber heute einmal ganz für mich

Für dein Theater gibt’s heut kein Applaus!“

Doch zum Abschluss gibt es dann auch noch ein paar leichtere Themen. „Zu Alt für Rock’n’Roll“ – der Name ist Programm. Hat nicht jede*r von uns schon mal diesen Gedanken im Kopf gehabt? Gerade nach ’ner krassen Konzert und/oder Party Nacht merkt man, dass es schwerer fällt aus dem Bett zu kommen und genauso fällt es einem auf, dass man über manche Themen einfach nicht mehr diskutieren möchte. Genau dieses Gefühl fasst der Song in richtig gute Worte. Und doch macht man irgendwie weiter, weil wie könnten man die Musik aufgeben?

Mit „Kippenlänge“ kommt dann noch eine Akustik-Ballade auf das Album. Sehr sympathisch finde ich, dass es kein Lovesong ist, sondern ein Song über Freundschaft ist. Freundschaft die sich verändert, aber bleibt. Früher ist man zusammen um die Häuser gezogen und heute ist man froh um jede Zigarettenlänge die man gemeinsam verbringt. Wirklich schön finde ich die Zeilen:

„Ich zeig dir meine Plattensammlung
da ist für jeden was dabei
ich hab auch Hosen und Slime
hauptsache du lässt mich nicht allein“

Und damit endet „Massendefekt“ auch schon. Genau richtig von der Länge her, jeder Song ist einzigartig und gehört genau so auch auf dieses Album. Es zeigt die verschiedenen Facetten von Massendefekt und ist viel mehr als ein Jubiläumsalbum. Es ist ein Zurückblicken und gleichzeitig in die Zukunft gehen. Was ich bei anderen Bands, des gleichen Genres, in der letzten Zeit vermisst habe, ist hier zu finden. Als ich das Album durchgehört hatte fiel mir nichts auf, was fehlen würde. Massendefekt zeigen wo sie heute stehen und beziehen natürlich auch klar Stellung – gegen Nazis, gegen Homophobie, gegen Sexismus.

Zum Jubiläum erscheint außerdem eine limitierte Doppelvinyl: Neben dem Album enthält sie ein zweites Werk mit zwölf Neuinterpretationen von Massendefekt-Songs – umgesetzt von befreundeten Bands und langjährigen Weggefährten. Jeder Act wählt dabei einen Song der Band und verleiht ihm eine ganz eigene Handschrift. Ohne Vorgaben und ohne Grenzen entstehen so neue Perspektiven auf das bestehende Material und lassen bekannte Songs teilweise in einem völlig neuen Licht erscheinen. Die beteiligten Künstler werden nach und nach bekannt gegeben.
„25 Jahre Massendefekt, zehn Alben – und am Ende steckt in dieser Platte genau das, was uns als Band immer ausgemacht hat: Freundschaft, Haltung und die Lust, gemeinsam unterwegs zu sein.“

So passt es auch, dass der Albumtitel self-titled ist und das Artwork eine Collage aus den Gesichtern der vier Jungs ist.

Unser Fazit


Sound
10
Inhalt
10
Kreativität
9
Artwork
9
Wiederhörwert
10