Im Interview mit Teufel von Tanzwut

Tanzwut – Castle Rock – Justin Herschfeld (8)

Hallo Teufel von Tanzwut, vielen Dank für die Zeit für das Interview.

Festivalstalker: „Herz aus Stein“ heißt euer neues Album. Was steckt für euch hinter diesem Titel und warum war er der passende Name für die Platte?

Tanzwut: Die Idee hinter dem Titel ist eigentlich eine uralte: das Märchen vom kalten Herzen. Ich habe mich gefragt, was es bedeuten würde, ein solches Herz zu haben. Und wenn man sich die Welt anschaut und all das Leid, das jeden Tag passiert, dann könnte man manchmal tatsächlich auf den Gedanken kommen: Wie viel leichter wäre das Leben, wenn einen das alles nicht mehr berühren würde?

Ich kenne diesen Gedanken durchaus auch von mir selbst. Dieses „Ach, wenn ich das alles nicht so an mich heranlassen würde.“ Aber genau das kann ich nicht. Ich bin ein Mensch, der sehr viel fühlt und wahrscheinlich manchmal auch zu viel an sich heranlässt.

Und trotzdem glaube ich, dass genau das unser Menschsein ausmacht. All die großen und kleinen Gefühle, die Freude genauso wie der Schmerz, die Liebe genauso wie die Enttäuschung – all das tragen wir in unserem Herzen.

Ein Herz aus Stein wäre vielleicht einfacher. Aber wir wären dann auch ein Stück weniger Mensch. Und genau deshalb war „Herz aus Stein“ für uns der passende Titel für dieses Album.

Festivalstalker: Wie läuft bei euch der Songwriting-Prozess ab? Entsteht zuerst die Musik oder stehen am Anfang meistens die Texte?

Tanzwut: Dieses Mal wollten wir ganz bewusst mit einer großen Einfachheit beginnen. Das haben wir sehr lange nicht mehr gemacht. Wir sind raus aus der Stadt, in eine alte Villa mit Kamin und Rotwein, und haben dort wirklich ganz klassisch mit Zettel und Stift, einer Gitarre, einem kleinen Dudelsack und einer Flöte angefangen, Songs zu schreiben.

Wir wollten jede Ablenkung vom eigentlichen Song vermeiden. Unser Ziel war, dass der Ursprung eines Songs so einfach und stark ist, dass man ihn mit einer Gitarre und einer Flöte an jedem Lagerfeuer spielen könnte – und dass er trotzdem funktioniert.

Mit dieser Einfachheit im Gepäck sind wir dann ins Studio gegangen und haben angefangen, den Songs ihre ganze Verpackung zu geben: Schlagzeug, E-Gitarren, Bass, laute Dudelsäcke, Streicher und all die anderen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen.

Das war für uns eine großartige Erfahrung. Wir haben gemerkt: Wenn ein Song schon in seiner einfachsten Form funktioniert und einen berührt, dann kann man ihn anschließend mit all diesen Instrumenten und modernen Produktionstechniken unglaublich groß machen, ohne dass er seinen Kern verliert.

Ich glaube, diese Herangehensweise werden wir in Zukunft noch öfter praktizieren. Erst muss der Song alleine funktionieren – und dann darf man ihn schmücken.

Festivalstalker: Der Opener „Rosenkrieg“ startet direkt mit ordentlich Energie. Warum musste genau dieser Song das Album eröffnen?

Tanzwut: Es ist immer schwierig, den ersten Song eines Albums festzulegen. Der Opener muss für mich nicht unbedingt alles vorwegnehmen, aber er sollte eine Tür in die Welt des Albums öffnen. Das  macht der Song „Rosenkrieg“ für uns.

Der Song kommt mit unglaublich viel Energie daher, hat etwas Witziges und gleichzeitig etwas völlig Durchgeknalltes. Das hat uns gefallen, weil wir damit gleich zu Beginn zeigen können: Dieses Album nimmt sich musikalisch einiges vor und darf auch mal über die Stränge schlagen.

Gleichzeitig wollten wir das Album auch inhaltlich mit diesem Song beginnen. „Rosenkrieg“ erzählt von diesem ewigen Spiel zwischen Liebe, Streit, Nähe und Distanz – also von etwas sehr Menschlichem, das jeder auf irgendeine Art kennt.

Genau diese Mischung ist das Entscheidende: Man bekommt direkt Energie, eine gewisse Verrücktheit und trotzdem etwas, worüber man nachdenken kann. Von allen Songs auf dem Album fühlte sich „Rosenkrieg“ deshalb am ehesten wie der Moment an, in dem sich der Vorhang öffnet.

Er war einfach der perfekte Einstieg in diese Reise.

Festivalstalker: „Ich bin kein Engel“ – wie viel Tanzwut steckt eigentlich in dieser Aussage? Oder gibt es bei euch tatsächlich den ein oder anderen Engel?

Tanzwut: Ich glaube, die Frage ist tatsächlich ein bisschen irreführend – denn wenn man den Teufel in der Band hat, stellt sich die Frage nach dem Engel ja fast automatisch.

Darum geht es in „Ich bin kein Engel“ eigentlich nicht. Im Kern geht es um das Spiel mit den Gegensätzen: Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Licht und Schatten. Und natürlich auch um den gefallenen Engel – um die Vorstellung, dass das eine ohne das andere gar nicht existieren kann.

Wir haben deshalb auch für das Video ganz bewusst diese Figur gewählt: eine Marionette, die in ihrer künstlerischen Gestalt gleichzeitig Engel und Dämon ist – mit Flügeln und Hörnern. Eine Fantasiegestalt, die ich speziell für dieses Video geschaffen habe.

Für mich steckt darin eigentlich eine ganz menschliche Wahrheit: Niemand ist nur gut und niemand ist nur böse. Wir tragen beides in uns. Wir haben unsere hellen Seiten, unsere dunklen Seiten, unsere Widersprüche und unsere Abgründe.

Vielleicht ist das auch ein Stück Tanzwut. Wir haben nie wirklich daran geglaubt, dass man sich eindeutig auf eine Seite stellen muss. Wir spielen lieber mit den Gegensätzen – und lassen sie miteinander tanzen.

Review: Tanzwut – „Herz aus Stein“

Festivalstalker: „Wir haben’s übertrieben“ klingt nach einem Titel, der durchaus autobiografisch verstanden werden könnte. Gibt es Situationen, bei denen ihr heute sagt: Ja, das war vielleicht wirklich ein bisschen zu viel?

Tanzwut: Da merkt man, dass du die Band schon länger kennst. Wir hatten schon immer einen gewissen Hang zur Übertreibung – und wenn jemand „Wir haben’s übertrieben“ wirklich gelebt hat, dann muss es wohl Tanzwut gewesen sein.

Konkrete Beispiele und Episoden werde ich hier natürlich nicht erzählen. Das würde wahrscheinlich auch den Rahmen eines Interviews sprengen. Aber sagen wir mal so: Es gibt durchaus Geschichten, bei denen man im Nachhinein denkt: Das hätten wir vielleicht auch eine Nummer kleiner machen können.

Und wer weiß – vielleicht werden einige dieser Geschichten irgendwann einmal in einem Buch landen. Da gibt es tatsächlich genug Material für ein literarisches Werk mit ziemlich übertriebenen Geschichten in den unterschiedlichsten Formen und Formaten.

Aber noch ist es nicht so weit. Ein bisschen was muss schließlich auch noch geheim bleiben.

Festivalstalker: Gibt es auf dem Album einen Song, der euch persönlich besonders am Herzen liegt?

Tanzwut: Ja, definitiv „Kein Abschied für immer“. Der Song hat für uns eine ganz besondere Bedeutung, vor allem in diesem Jahr. Unser Backliner Marcel ist sehr jung und viel zu früh verstorben, und dadurch bekommt dieser Song noch einmal eine ganz andere Nähe.

„Kein Abschied für immer“ ist für all die Menschen, die von uns gegangen sind. Für Menschen, die uns begleitet, geprägt und ein Stück unseres Lebens ausgemacht haben.

Wir glauben fest daran, dass der Tod nicht unbedingt das endgültige Ende einer Verbindung sein muss. Vielleicht gibt es irgendwo eine andere Welt, einen anderen Ort, an dem wir uns irgendwann wieder begegnen.

Ja  diese Hoffnung trägt der Song in sich. Er ist traurig, aber nicht hoffnungslos. Für uns ist er vor allem ein Lied des Erinnerns – und ein Versprechen, dass ein Mensch nicht einfach verschwindet, nur weil er nicht mehr bei uns ist.

Festivalstalker: Wenn ihr „Herz aus Stein“ einem Menschen vorspielen könntet, der noch nie Tanzwut gehört hat: Welchen Song würdet ihr auswählen?

Tanzwut: Das kommt natürlich ein bisschen darauf an, wem ich den Song vorspielen würde. Aber wenn ich jemandem, der Tanzwut noch gar nicht kennt, einen einzigen Song aus „Herz aus Stein“ vorspielen müsste, dann wahrscheinlich „Wir sind keine Band für eine Nacht“.

Der Song hat für mich ziemlich viel von dem, was Tanzwut ausmacht: Energie, Witz und ein ordentliches Augenzwinkern. Gleichzeitig vermittelt er ein ganz gutes Bild davon, wie wir uns selbst und unsere Geschichte sehen.

Festivalstalker:  Auf welchen Song freut Ihr euch am meisten Ihn Live zu spielen?

Tanzwut: Am meisten freuen wir uns auf „Der König ist pleite“. Wir haben dafür gerade eine ganz besondere Idee für die Show im Kopf, vor allem für die Festivals im nächsten Jahr.

Mehr wird natürlich noch nicht verraten. Es wird sehr witzig, ziemlich übertrieben, aufregend und hoffentlich auch ein bisschen unerwartet. Ob wir das Ganze schon auf der kommenden Tour umgesetzt bekommen, wissen wir noch nicht genau. Für die Festivals im nächsten Jahr haben wir damit aber auf jeden Fall etwas Besonderes vor.

Ich glaube, das könnte für Publikum und Band gleichermaßen ein ziemlich großes Vergnügen werden.

Festivalstalker: Wenn ihr das Album mit drei Worten beschreiben müsstet – welche wären das?

Tanzwut: Augenzwinkernd, stürmisch und druckvoll.

„Augenzwinkernd“, weil das Album trotz aller Tiefen und ernsten Themen immer wieder Humor und eine gewisse Verrücktheit hat. Wir nehmen uns musikalisch und textlich durchaus ernst, uns selbst aber nicht immer.

„Stürmisch“, weil auf der Platte ordentlich Bewegung und Energie steckt. Da gibt es harte und wilde Momente, aber genauso melodische und harmonische Passagen.

Und „druckvoll“ – das hört man, glaube ich, sofort. Das Album hat ordentlich Wucht, aber trotzdem auch seine melancholischen, schönen und ruhigen Momente. Es ist also keine reine Abrissbirne, sondern hat ziemlich viele Facetten.

Festivalstalker: Was hat sich bei Tanzwut im Laufe der Jahre am meisten verändert – und was wird sich hoffentlich niemals ändern?

Tanzwut: Am meisten verändert hat sich wahrscheinlich, dass wir über die Jahre reifer geworden sind – als Menschen und natürlich auch als Musiker. Wir haben uns musikalisch weiterentwickelt, neue Dinge ausprobiert und gelernt, mit den Erfahrungen der vielen Jahre umzugehen.

Was sich hoffentlich niemals verändert, ist unsere Leidenschaft und dieses Feuer, das wir für die Musik und für das Leben als Spielleute in uns tragen. Diese Lust, auf der Bühne zu stehen, gemeinsam Musik zu machen und immer wieder etwas Neues auszuprobieren.

Freut euch auf die Kommende Tour mit Sagenbringer:

HERZ AUS STEIN – TOUR 2026

Special Guest: Sagenbringer

16.10.26 Frankfurt          Das Bett
17.10.26 Köln                    Club Volta
23.10.26 München          Backstage Halle
24.10.26 Stuttgart           Im Wizemann
29.10.26 Hamburg          Bahnhof Pauli
30.10.26 Leipzig              Hellraiser
31.10.26 Rostock             M.A.U. Club
05.11.26 Nürnberg          Hirsch
06.11.26 Zwickau            Alter Gasometer
07.11.26 Forst                  Manitu
13.11.26 Oberhausen      Kulttempel
14.11.26 Hannover          Musikzentrum
20.11.26 Dresden            Reithalle
21.11.26 Berlin                 hole44