Review & Galerie: Kraftklub @ Wunderino Arena Kiel

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Sheena

Wir waren am 24. März 2026 in der Wunderino Arena in Kiel zur „Sterben in Karl-Marx-Stadt“-Tour von Kraftklub. Der Abend lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Abriss! Die Jungs aus Chemnitz geben einfach bei jedem Konzert alles, als müssten sie sich ihr Publikum noch erspielen, wie es vor etlichen Jahren einmal war. Dabei hätten sie das gar nicht mehr nötig, denn die Arena war so gut wie ausverkauft und es herrschte eine brodelnde Vorfreude auf Kraftklub. Da sie aber das Erspielen von der Aufmerksamkeit des Publikums nur zu gut kennen, bittet Felix bei der Ankündigung des Vor-Acts Mia Morgan darum, dass sie dies nicht erst tun muss, sondern das Publikum von Beginn an ihr alle Aufmerksamkeit schenkt und mit abgeht.

Mia Morgan ist unerwartet düster im Vergleich zu dem was Kraftklub sonst spielen und erinnert mich als Millennial stark an LaFee, aber im guten Sinne. Ihre Texte handeln von toxischen Beziehungen und falschen Freundschaften, von Ausnutzung und es wird sogar Misshandlung angedeutet. Mia Morgan nimmt schlicht und ergreifend keine Hand vor den Mund, spricht aus was Frauen denken und legt den Finger noch einmal tief in die Wunde. Genau das macht ihre Musik auch fesselnd und das Publikum geht ordentlich mit. Bei „(spielen mit den) großen Jungs“ fordert sie zum ersten Moshpit auf und mit „1000 Tode“ beendet sich ihr Set.

Nach einer wirklich kurzen Umbaupause entern dann Kraftklub mit „Marlboro Mann“ die Bühne. Es ist ein sehr emotionales Intro und doch startet der erste Moshpit. Weiter geht es dann mit „Ein letztes Mal“, welches ebenso wie „Marlboro Mann“ von ihrem aktuellen Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ stammt. Es folgt dann einer meiner persönlichen Lieblingssongs (und es war einfach unvergleichbar diesen aus dem Bühnengraben heraus erleben). Die Rede ist von „Teil dieser Band“. Selten haben Musiker so ehrlich über dieses Thema in einem Song gesprochen wie es Kraftklub tun. Denn es steckt viel Wahrheit dahinter, dass es beim Erfolg nicht einfach nur um Talent geht. Es gehört auch einfach viel Glück dazu.

Die pure Eskalation folgt dann bei „Ich will nicht nach Berlin“ – ein wahrer Klassiker. Die ersten Crowdsurfer kommen im Bühnengraben an und rufen hoch zur Band „Erster!“ und anschließend fordert Felix auch zu vernünftigem, respektvollen Verhalten im Moshpit auf, wozu seiner Meinung nach auch gehört, dass man sein Shirt anlässt. Solch achtsames Verhalten sieht man auch beim Security-Personal. Während des Konzerts werden die ersten Reihen des Publikums mit Wasser versorgt und jeder ankommende Crowdsurfer wird gefragt, ob alles okay ist oder ob die Sanitäter, welche passenderweise auch am Bühnengraben stehen, benötigt werden. Bei „Fahr mit mir“ ist dann der Gesang des Publikums lauter als Kraftklub selbst und die Halle bebt förmlich beim Refrain als alle springen. Doch ein wirkliches Highlight kommt noch danach. Felix erwähnt, dass sie schon so oft in Kiel gespielt haben, dass sie sogar Freunde in der Stadt haben. Diese Freunde haben sie jedoch sehr spontan, erst 4 Stunden vor dem Konzert, angeschrieben für ein Feature. Die Rede ist natürlich von den Leoniden und so entern die Kieler die Bühne und geben „All The Small Things“, ein Blink-182-Cover, zum Besten. Zum Abschluss sagt dann Felix er sei so „on fire“ davon und zückt einen Feuerlöscher um sich abzukühlen (mit Dampf statt Pulver oder Schaum). Dann verändert sich das Bühnenbild. Der bisher so dominante Schriftzug des aktuellen Albums „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ klappt sich hoch und auf der Videowall sieht man auf einmal Felix an einem Bierstand auf dem Rang. Wie ist er so schnell da bloß hingekommen? Den Rückweg zur Bühne erlebt das Publikum dann hautnah, denn Felix bahnt sich, inklusive Kamerateam, einen Weg über den FOH durch das Publikum zur Bühne, während die Jungs den Song „Halt’s Maul und spiel“ performen. Dies ist wieder so ein Song, der so viel Wahrheit in sich trägt, denn als Künstler hat man leider keinen Einfluss darauf, welche Menschen die Songs hören, man kann lediglich immer wieder für seine Meinung einstehen und hoffen, dass es (rechte) Spinner vertreibt. Zum anschließenden „Kein Gott, kein Staat, nur du“ kommt Mia Morgan dann zurück auf die Bühne, welche das Feature auch auf dem Album „Kargo“ bereits gesungen hat. Mit „Wie Ich“ kommt dann auch wieder ein Klassiker mit ins Set.

Dann kommt die Videowall auch schon wieder zum Einsatz. Es wird ein Einspieler von Deichkind gezeigt und währenddessen begibt sich die gesamte(!) Band ins Publikum auf eine kleine zweite Bühne mittendrin um dort hautnah den Abriss zu „Zeit aus dem Fenster“ abzufeiern. Nachdem dann alle Power rausgehauen wurde wird es romantisch bei „Kein Liebeslied“. Hierzu wird die gesamte Beleuchtung der Halle ausgestellt, Felix nimmt einen einfach Strahler in die Hand und den Rest der Beleuchtung liefert das Publikum mit ihren Handy-Taschenlampen. Dieser Moment geht einfach unter die Haut. Mit „Schief in jedem Chor“ wird das Set auf der kleinen Bühne dann vervollständigt.

Natürlich darf an so einem Abend auch der Hit „Chemie Chemie Ya“ nicht fehlen. Das Publikum ist so textsicher, dass sie den ersten Vers komplett allein erstmal durchsingen bevor die Band einsteigt. Dann fehlt natürlich auch nicht die Glücksrad-Tradition. Jemand hat sich im Publikum als Karl Marx und als Stadt verkleidet und so dürfen die zwei Personen auch nach ein bisschen Spaß und einem Zaubertrick am Glücksrad drehen und das Ergebnis ist „Blau“. Bei „Fallen in Liebe“ tauchen dann wieder die Leoniden auf, diesmal zum Tanzen im Bühnengraben, welches dann auf die Videowall projiziert wird. Anschließend spricht Felix über ihr erstes Konzert in Kiel und dass dies in der Pumpe gewesen sei. Mein erstes Kraftklub-Konzert war auch in Kiel, als „Ich will nicht nach Berlin“ gerade released wurde, jedoch im der Traum GmbH. Dann macht Felix noch einmal ganz klare Kante gegen Nazis, passend zum Song „Schüsse in die Luft“ und im Anschluss dazu ruft das gesamte Publikum „Ganz Kiel hasst die AfD“. Dies passt auch einfach perfekt zum krachigen Intro für „Randale„, damit wird die aufgeheizte Stimmung auch nochmal voll ausgekostet. Den Song spielen Kraftklub schon eine Ewigkeit live, jedoch gibt es keine Studioversion davon und trotzdem ist jeder textsicher. Zum Ende des Songs werden dann Fahnen auf der Bühne geschwenkt, darunter auch eine LGBTQIA* Pride Flag.

Wenn es so abgeht, weiß man leider meist auch schon, dass sich das Ende des Konzertes nähert. Den Song „500k“ performen Kraftklub dann noch auf der Tribüne. Den Abschluss auf der Bühne machen die Jungs dann mit „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“, „Ein Song reicht“ und… na welcher Song darf natürlich nicht fehlen? Genau! „Songs für Liam“!

Damit endet ein wilder Ritt. Kraftklub wissen einfach wie sie die Menge zum Brodeln und Eskalieren bringen. Keine Show von ihnen ist gleich, es gibt immer etwas Besonders zu sehen und die Jungs haben wirklich keine Scheu vor dem Publikum und man merkt ihnen an, wie viel Spaß es ihnen auch macht in einer solch großen Halle so einen Abriss zu feiern. Dadurch, dass sie sich auch ins Publikum bewegen, wirkt die Halle auch einfach nicht mehr so gigantisch, beziehungsweise die Stimmung bleibt einfach noch so familiär dadurch, wie zu damaligen Zeiten, als Kraftklub noch in den kleinen Clubs gespielt haben.