Am Donnerstag erscheint das neue Album „The Nasty Piece“ der norwegischen Punk-Band Aktiv Dödshjelp. Die Band gibt es zwar bereits seit 17 Jahren und doch ist es erst ihr zweites Album. Mit ihrem zweiten Album bewahren Aktiv Dödshjelp ihren unverwechselbaren Charakter und führen zugleich all das zusammen, was seit ihrem Durchbruch mit „Send Dudes„ entstanden ist. Für die neue Platte holte sich die Band diesmal Produzent Bendik Markovic Toming-Weston (brenn, TØFL, Fred again.…) ins Boot, der laut der Band ”eine echte Pop-Hure” ist. „Wir wollten schon lange mit Bendik arbeiten, weil er weiß, wie man Refrains erschafft, bei denen die Gitarren wie Rasierklingen klingen. Er weiß genau, wie man Songs größer macht und damit ein breiteres Publikum erreicht, ohne die ursprüngliche Idee zu verwässern.“
Auch wenn die Identität der Band auf „The Nasty Piece“ unverändert bleibt, mussten auf dem Weg dorthin zahlreiche Ideen aussortiert werden: „Alle reden vom schwierigen zweiten Album. Aber seit wir Send Dudes 2023 abgeschlossen haben, herrscht bei uns ein kreativer Überschuss – ein regelrechter Hunger darauf, mehr Musik zu machen. Der Demo-Ordner für Album Nummer Zwei war zwei Jahre lang ziemlich gefüllt, bevor The Nasty Piece fertig wurde.“ Aufgenommen wurde das Album im Studio Paradiso, direkt neben dem Proberaum der Band im Osloer Stadtteil Rosenhoff – und zugleich die Wirkungsstätte eines ihrer Wunschkollaborateure. Für den perfekten Sound arbeitete die Band mit Christian Engfelt zusammen, der das Album gemixt hat.
„The Nasty Piece“ beginnt mit einem klassisch wirkenden Instrumental-Opener namens „Can Opener“ bevor es dann bei „Øyesmelter“ richtig zur Sache geht. Auf einem Punk-Album habe ich es so nicht erwartet erst sanft eingeführt zu werden, bevor der erste Song mit dem Kontrast dazu spielt. „Øyesmelter“ kommt wirklich derbe daher und man merkt die Verbindung der Band zur Turbonegro und deren Songs. Es gibt derbe Gitarrenriffs die recht metalartig schon sind. Währenddessen ist die Bridge zum Ende des Songs hin sehr smooth und jazzy. Inhaltlich kann man den selbstverliebten Text eindeutig mit einem großen Augenzwinkern lesen oder hören. Es wird stark übertrieben was auch die Zeile: „No he du beef med ekte rockstars“ (Jetzt hast du Streit mit echten Rockstars) zeigt.
„Jakter En Løve“ wurde bereits als Single ausgekoppelt. Der Song handelt von unglaublich schweren Tour-Alltag. Besonders amüsant finde ich, dass direkt Anspielungen auf Deutschland, beziehungsweise spezifisch auf Hamburg gemacht werden, da die Reeperbahn und die Biersorte Becks erwähnt werden. Musikalisch schließt „Jakter En Løve“ gut an „Øyesmelter“ an.
Kommen wir zu „Hun Som Sitter Fast“ – dieser Song ist einfach direkt mein Liebling von „The Nasty Piece“ geworden. Auch ohne den Text zu verstehen, weiß man wieviel Humor da drin versteckt ist. Was ich besonders mag, ist die eingängige Melodie, die einen schon an Royal Republic aber auch Kraftklub erinnert. Der Song ist auf jeden Fall nicht mehr so derbe, wie seine Vorgänger und doch bekommt man den vollen Drive nach vorne mit ab, nur das es wesentlich grooviger wird. Außerdem hat „Hun Som Sitter Fast“ einen absoluten Ohrwurm- und Mitsing-Faktor. Jedoch sollte man nicht bei jedem Song hier eine Übersetzung einfügen, denn in diesem speziellen Beispiel wird es schon fast nicht mehr jugendfrei.
Der Song „Zara Arson“ mischt dann die groovy Elemente mit derben In-Die-Fresse-Momenten. Auf den ersten Blick scheint es wie ein Liebeslied, doch eigentlich geht der Song um Pyromanie und absolutes Übertreiben. Dabei bleibt auch hier die Melodie wirklich lange noch im Kopf.
Es folgt dann der laut Aktiv Dödshjelp „Beste Turbonegro-Song, den Turbonegro nie geschrieben haben“. Gemeint ist „Lazer Tag“ und ja, man könnte eindeutig meinen, dass dieser ursprünglich von Turbonegro stammen könnte. Allein diese nach vorn treibende Kraft von der ersten Note an ist fast einmalig. Außerdem erinnert die Zeile „Nei oh Nei“ melodisch sehr an einen bekannten Pop-Song der 90er Jahre.
„Kjøttkverna“ ist ebenfalls bereits als Single erschienen. Dies ist so ein Song, bei dem würde meine Zumba-Trainerin vorab sagen: „So, jetzt sind wir richtig cool und strong!“ Übersetzt heißt „Kjøttkverna“ Fleischwolf – sehr dramatisch. Auffällig sind in diesem Song die vielen Wechsel zwischen Englisch und Norwegisch und die wunderschönen Wortspiele wie:
„Mors spaggethi
retti fletti to tetty og en bade-hetty“
Weiter geht es dann mit „Ingen Hjemme“ welches im Intro etwas Depeche Mode-artig wirkt mit den verzerrten Effekten. Allgemein ist die Stimmung des Songs recht düster gehalten und da der Titel übersetzt auch „kein Zuhause“ heißt, schwingt eine schwere Melancholie in dem Song mit. Musikalisch positiver gestimmt ist dann „For digg“. Im Song geht es darum, dass man eine Person immer noch mag und sie viel zu heiß und nie die richtigen Worte findet. Dies wird natürlich dann auch ordentlich raus geschrieen während es instrumentalisch groovy bleibt auf spezielle Art und Weise. Auch hier hört man scheinbar typisch skandinavische Tonkombinationen.
Bei „DTFG / Dude for en good time“ würde mich der tiefere Sinn dahinter brennend interessieren. Ist es einfach ein auf die Schippe nehmen von toxischer Männlichkeit und Bro-tum? Oder sind es gar Anspielungen darauf, dass hinter so manch einer Bromance auch Queerness stecken kann?
So langsam nähern wir uns auch dem Ende von „The Nasty Piece“. Mit „Når jeg dør“ kommt noch eine sehr Heavy Metal-lastige Nummer auf die Platte. Zumindest in den erste 2 von 6 Minuten des Songs. Die Brachialität passt aber auch perfekt, da der Song übersetzt heißt „Wenn ich sterbe“. Es geht anscheinend um die Abrechnung mit einer Person, die meinte einen selbst besser zu kennen und zu der man nun die Tür schließt. Die Person wird also ihre Antworten wenn überhaupt erst bekommen, wenn man tot ist. Ein radikaler aber doch passender Abschluss für „The Nasty Piece“. Doch wirklich abgeschlossen wird das Album mit „Kredits 2“ einem, für Punk untypischen, Outro-Song, der jedoch musikalisch sehr aus der Reihe fällt und eher an ein Anime-Outro erinnert.
Als ich mir diese Review ausgesucht hatte. waren mir Aktiv Dödshjelp vollkommen unbekannt. Ich dachte bei diesem Namen, der übersetzt „Aktive Sterbehilfe“ heißt, dem Albumtitel und der Markierung als Punk aus Norwegen, kann es nur brutal gut werden. Ich habe nicht gedacht, dass „The Nasty Piece“ so catchy wird und mich in teilen mehr an eine skandinavische Kraftklub-Version erinnert, als an klassischen derben Punk aus der Underground-Szene. Was ich wirklich faszinierend finde, ist, dass man doch anhand der Tonfolgen und Harmonien erkennen kann, dass Aktiv Dödshjelp aus Skandinavien kommen. Es gibt Momente in denen man sich an Royal Republic und dann wieder an Turbonegro erinnert fühlt. Vielleicht fällt auch nur mir das auf, da ich mich des öfteren mit der Theorie des „nordischen Tons“ seit der Klassik auseinandergesetzt habe und doch würde ich jedem empfehlen „The Nasty Piece“ mal mit diesem Hintergedanken zu Hören. Es gibt besondere Aspekte in der Musik, welche man so intuitiv der nordlichen Region Europas zuschreiben würde. So etwas würde man nicht bei amerikanischen oder etwa asiatischen Bands hören. Zusammenfassend kann man sagen, dass „The Nasty Piece“ ein sehr abwechslungsreiches, humorvolles Album ist. Es gibt sowohl krasse Banger, als auch tanzbare Rhythmen und echte Emotionen.





