OPEN FLAIR FESTIVAL 2026 – Fotos & Review

Fünf Tage voller Musik, klarer Haltung und verbindender Gemeinschaft: Das Open Flair 2026 in Eschwege

Mittwoch 

Schon die Anreise nach Eschwege macht deutlich, dass das Open Flair mehr ist als ein Festivalgelände am Stadtrand. Nach der Ankunft geht es zunächst zur Bändchenausgabe. Die Schlange ist erfreulich kurz, sodass noch Zeit bleibt, kurz den Aufbau der großen Haupbtühne zu beobachten. Während dort die letzten Vorbereitungen laufen, verändert sich auch die Stadt zusehends. An jeder Ecke läuft Musik, Getränke werden angeboten und aus offenen Fenstern blicken neugierige Gesichter auf das Treiben. Noch hält sich der Trubel in Grenzen, doch die Richtung ist bereits klar: Eschwege gehört in den kommenden Tagen dem Festival.

Den musikalischen Auftakt auf der Seebühne übernimmt SALO mit einer ordentlichen Portion Hauruck. Der deutschsprachige Rock kommt roh, kraftvoll und handgemacht daher. Druckvolle Gitarren und ruppige Vocals sorgen für einen Einstieg, der nicht lange um Aufmerksamkeit bitten muss. Hier wirkt nichts überproduziert oder glattgebügelt – SALO setzt auf Energie und Unmittelbarkeit.

Deutlich melodischer ging es bei Amistat weiter. Die Zwillingsbrüder Josef und Jan Prasil stehen gemeinsam mit zwei weiteren Musikern auf der Bühne und stellen ihre außergewöhnlichen Gesangsharmonien in den Mittelpunkt. Die mehrstimmigen Passagen sind bemerkenswert sauber. Die Stimmen der Brüder verbinden sich beinahe nahtlos. Zwischen dem tanzbaren Pop entstehen nicht selten auch hymnische Momente.

 

Mit dem Lumpenpack wird es anschließend deutlich wilder. Musikalische Finesse trifft auf pointierten, teilweise herrlich absurden Humor. Punkige Passagen gehen mit durchweg ausgefeiltem Songwriting einher. Gleichzeitig versteht es die Band, das Publikum einzubeziehen – Mitsingen gehört genauso zum Programm wie ein spontaner Stagedive im Zelt – und selbst ein aufblasbares Auto wird kurzerhand zum Crowdsurfing-Gefährt. Bei aller Unterhaltung bleibt die Band politisch deutlich. Mit FLINTA-Pits werden sichere Räume geschaffen und die unmissverständliche Ansage des Sängers Jonas setzten ein klares Zeichen für eine offene Gesellschaft, gegenseitigen Respekt und Solidarität.

 

Dritte Wahl schließen den ersten Festivaltag mit geradlinigem Punkrock ab. Der Sound ist durchweg fokussiert und kantig, getragen von schiebenden Beats. Sozialkritische und politische Texte geben dem Auftritt Schärfe. Besonders schön: Auch die Fans bringen ihre Verbundenheit zur Band sichtbar zum Ausdruck und halten Schilder mit Textzitaten in die Höhe. Musik und Publikum begegnen sich hier auf Augenhöhe – ein Motiv, das sich durch die kommenden Tage immer wieder zieht.

Donnerstag

Der Donnerstag beginnt für uns mit Kapa Tult. Eingängige Melodien treffen auf deutschen Pop-Rock, der an den Sound der 80er-Jahre, erinnert. Das klassische Rocktrio wird um Orgel und Synthesizer erweitert. Ein besonderer Hingucker ist die Drummerin, die im Stehen spielt und damit unweigerlich an die Ärzte erinnert.

 

Bluthund drehen das Energielevel anschließend schlagartig nach oben. Eine Wall of Death gleich zu Beginn lässt keinen Zweifel daran, was die Band vorhat. Hart verzerrte Gitarren treffen auf wütenden Rap, elektronische Beats und Trap-Elemente. Die maskierten Musiker erzeugen dabei eine Atmosphäre, die an die bedrohliche Ästhetik von Slipknot erinnert, musikalisch aber deutlich moderner und elektronischer ausfällt. Prägnante Riffs und Beats zum Kopfnicken sorgen dafür, dass im Publikum kaum jemand stillsteht. Gleichzeitig transportiert die Band ihre politische Haltung unmissverständlich: antifaschistisch und solidarisch.

 

Danach ging es weiter mit South Arcade. Die Band verbindet Metalcore-Energie mit 2000er-Pop-Punk-Ästhetik. Druckvolle Drums, knackiger Bass und schiebende Gitarren bilden das Fundament für die melodische Sängerin. Erinnerungen an Avril Lavigne liegen nahe, doch die britische Band belässt es nicht bei Nostalgie. Die eingängigen Chorusmelodien treffen auf moderne Härte und machen den Auftritt gleichermaßen tanzbar und druckvoll.

 

Nach diesem Dauerfeuer setzt Tristan Brusch im E-Werk einen bewussten Gegenpol. Allein mit Gitarre und Flügel  wird es plötzlich ruhiger und sehr persönlich. Seine Texte erzählen von verletzlichen Momenten und Melancholie. Jedes Wort scheint bewusst platziert, und jede Geschichte zwischen den Songs erweitert die Perspektive auf das gerade Gehörte. Als eine Gastsängerin für ein Duett auf die Bühne kommt, entstehen wunderschöne Harmonien. Nach einem Tag voller Gitarrenwände und lauter Beats ist dieser Auftritt ein Moment des Innehaltens – und einer, der tief unter die Haut geht.

Für das genaue Gegenteil sorgen PA69 auf der Seebühne. Die drei rosa maskierten Rapper und eine tanzende Sonne liefern eine energiegeladene Mischung aus Tech-Rap, Party und bewusstem Blödsinn. Ihre Texte sind irgendwo zwischen Alltag, Großstadtbeobachtungen und völlig absurden Pointen angesiedelt – ironisch, dreckig und überzogen. Ihr Bühnenbild: Deo und Feuerzeug. Doch hinter dem Klamauk steckt mehr als reine Party. PA69 spielen bewusst mit Klischees und verdrehen sie so lange, bis daraus ihre ganz eigene Sprache entsteht. Zwischen Biertornado und Berlin-Frust bleibt dabei immer ein Gespür für gesellschaftliche Absurditäten. Live funktioniert das hervorragend: Die Beats drücken, die Hooks bleiben hängen und die drei treiben das Publikum ohne große Umwege nach vorne. Nach dem Auftritt ist klar: PA69 nehmen sich selbst nicht ernst – ihre Show dafür umso mehr.

 

Dropkick Murphys spielten zum Abschluss des Abends. Die Seebühne verwandelt sich in einen gigantischen Kneipenchor. Irische Folkinstrumente treffen auf elektrische Gitarren und Rockdrums, wodurch aus der ohnehin umfangreichen Besetzung ein Sound entsteht, der festlich wirkt. Die Band aus Boston weiß genau, wie sie ein Festivalpublikum abholt. Überall wird gesungen, getanzt und gefeiert. Ein fulminantes Set und ein Feuerwerk zum Schluss machen die Dropkick Murphys zu einem würdigen Headliner.

Auch der Elektrogarten bot noch bis 2:00 Uhr die Möglichkeit zu elektronischen Beats ausgiebig zu feiern, was viele Besucherinnen und Besucher sowohl am Donnerstag, als auch an den kommenden Tagen nutzten.

Freitag

Der erste Act auf der großen Radio Bob! Bühne ist die Band Spit aus Kassel. Sie eröffnen die Bühne und spielen gleichzeitig ihre letzte Show. Als es losgeht, fliegt direkt Konfetti ins Publikum, gefolgt von einer Pyroshow. Dazwischen liefert die Band groovigen Rock, der das Publikum ordentlich wachrüttelt. Es wird getanzt und gefeiert. Ein Auftakt, der Spaß macht!

 

Spaß hatte nicht nur das Publikum. Auch die Security ist beim Open Flair dafür bekannt, dass sie im Bühnengraben gute Laune verbreiten. Mit lustigen Kostümen und jeder Menge Konfetti kümmerten Sie sich immer bestens und leiteten herausragende Arbeit beim Auffangen aller Crowdsurferinnen und Crowdsurfer während des gesamten Festivals.

 

Lostboi Lino schlägt danach eine ganz andere Richtung ein. Sein Rap wird von einer Liveband getragen und entfernt sich damit deutlich vom klassischen, samplebsierten Hip-Hop. Wuchtige Passagen treffen auf vielseitige Arrangements und treiben die Songs immer wieder nach vorne. Von Melancholie und Schmerz geprägte Texte machen deutlich: Die Musik ist für Lino ein Ventil: Sie verdrängt die Schwere nicht, sondern verwandelt sie in Bewegung. Einen wesentlichen Anteil daran hat Schlagzeuger Michi, der mit seinem überzeugenden Spiel das Arrangement zusammenhält.

 

FRAUPAUL liefern daraufhin ausgesprochen tanzbaren Punk auf Deutsch. Eine Mischung, die das Publikum schnell in Bewegung bringt und für den weiteren Tag aufwärmt.

 

Auf der Seebühne warten Elfmorgen mit Oldschool-Punk-Energie auf. Das Trio setzt auf kurze, prägnante Songs, schnelle Beats und jede Menge Attitüde. Die Band nimmt sich dabei selbst nicht zu ernst und wirkt mit ihrer selbstironischen Art sehr unterhaltsam, was nicht zuletzt durch den großen, aufblasbaren Dino auf der Bühne deutlich wird, der sofort in’s Auge fällt. Die Band selbst deklariert das prähistorische Tier als den von TBS besungenen „Bierosaufus Rex“. Sogar die flauschige Bananenente Anette bekommt ihren großen Auftritt und darf einen fulminanten Stagedive genießen. Auch Elfmorgen nehmen sich die Zeit und beziehen in einem ruhigen Moment klar Stellung gegen Rechts und Rassismus.

Zurück an der Freibühne, ziehen Shoreline anschließend alle Register – Punk trifft auf Melodic Hardcore und Alternative Rock, und poppige Chorusmelodien wechseln sich mit wütenden Breakdowns ab. Über allem liegt eine melancholische Dramatik. Die Band spielt mit einer enormen Intensität. Hier wirkt nichts halbherzig – jeder Song wird bis zum letzten Funken ausgekostet.

 

Im E-Werk lieferte Liser einen sehr starken Auftritt ab, der vor allem durch seine unmittelbare Energie überzeugt. Schon nach den ersten Songs wird klar: Hier geht es nicht um distanzierte Perfektion, sondern um die ungeschminkte Wahrheit in der Welt von Frauen, die nicht in ein Schema-F passen, um den Druck der Gesellschaft, Herzschmerz und Wut. Liser sagt das, was viele Frauen denken und nimmt dabei kaum ein Blatt vor den Mund. Elemente aus Rap, Punk und Pop verbinden sich mit elektronischen Sounds.

April Art setzen parallel dazu auf Härte an der Seebühne. Ihr Sound verbindet klassische Heavy-Metal-Elemente mit modernem Metalcore und Melodic Hardcore. Rauchige Vocals treffen auf prägnante Riffs, Breakdowns und einen schlagkräftigen Sound. Dazu kommt eine beeindruckende Lichtshow, die gemeinsam mit Konfetti und Rauch eine durchinszenierte Kulisse schafft. Musikalisch überzeugt vor allem die technische Versiertheit: Ein virtuoses Gitarrensolo mündet überraschend in den „Imperial March“ aus Star Wars, später gibt es einen kurzen Ausflug in „Master of Puppets“. Eine Stunde lang hält die Band die Energie auf hohem Niveau.

Abgelöst werden April Art von Kadavar, die in eine völlig andere Kerbe schlagen. Schon die Ästhetik erinnert an große Hard-Rock-Bands der 70er-Jahre, ebenso der Sound. Schwere Blues-Riffs und hallender Gesang  lassen Erinnerungen an Led Zeppelin, Deep Purple und Black Sabbath aufkommen. Mannshohe Lautsprechertürme dominieren das Bühnenbild und unterstreichen den Retro-Charakter. Die Musiker versinken förmlich in ihrer Musik und verbinden Präzision mit beeindruckender Leichtigkeit im Spiel. Gitarrensoli komplettieren den Nostalgietrip. Der Sound ist saftig und voller Wucht – ein bewusster Blick zurück, der sich keineswegs altmodisch anfühlt.

Zum Abschluss des Tages übernehmen 100 Kilo Herz die Freibühne. Das Publikum wartet bereits ungeduldig, und vom ersten Ton an ist der gesamte Platz in Bewegung. Klassischer Punk trifft auf Trompeten und eingängige Refrains. Doch die Leipziger Band verbindet ihre Feierlaune konsequent mit politischer Haltung. Antifaschismus, und Solidarität werden nicht nur erwähnt, sondern zum festen Bestandteil des Auftritts. Auch auf die Bedeutung politischer Beteiligung und bevorstehende Wahlen wird hingewiesen. Zwischendurch bleibt Zeit für ein Geburtstagsständchen für den Mercher der Band. Genau diese Bodenständigkeit macht den Auftritt so sympathisch. Als am Ende Bengalos den Platz erhellen und die Band noch einmal unmissverständlich gegen Rechts Stellung bezieht, ist klar: Bei 100 Kilo Herz gehören Haltung und Feierlaune zusammen. Das Open Flair wird dabei zum Idealbild einer solchen Gemeinschaft – ein Ort, an dem getanzt, gefeiert und gleichzeitig für ein offenes Miteinander eingestanden wird.

Samstag

Auch abseits der Musik zeigt das Festival, wie breit es aufgestellt ist. Das Kinderprogramm bietet Hüpfburg, Kinderschminken, Trampoline, Rutschen, kleine Pools, Kistenrutschen und zahlreiche weitere Spielmöglichkeiten. Dazu kommen kreative Angebote wie eine Buttonmaschine. Das Open Flair richtet sich damit längst nicht nur an die klassischen Festivalgänger, sondern schafft Raum für Familien. Zahlreiche Walk-Acts lassen nicht nur Kinderaugen strahlen. An der Seebühne konnte man eine Frau auf einer großen Schnecke reiten sehen und auf dem Weg von der Seebühne zum Hauptgelände sind wilde Punker mit ihrem Auto unterwegs. Auch ein Nilpferd trottet vor sich hin und mit etwas Glück trifft man auf die alte Schildkröte mit ihrem Nachwuchs oder wandelnde Bäume.

 

Musikalisch eröffnet Contrabrass für uns den Samstag mit einer auffällig großen Besetzung. Bläser, Drums und zwei Rapper sorgen für einen vielschichtigen Sound, in dem Ska-, Jazz- und Swing-Einflüsse aufeinandertreffen. Off-Beats halten die Songs zusammen, während Bläser immer wieder exotische Klangfarben einstreuen. Auch politisch zeigt die Gruppe klare Kante und stimmt gemeinsam mit dem Publikum einen lautstarken Chor gegen die AfD an.

Bad Cop Bad Cop lassen anschließend rasenden Punk auf das Publikum los. Britischer Old-School-Punk trifft auf Hardcore-Beats, darüber die rauchige Stimme der Sängerin. Die Hitze des Tages ist bereits deutlich zu spüren, doch die Band lässt sich davon nicht bremsen. Stattdessen wird gepogt und getanzt. Auch politisch bleibt die Band eindeutig und positioniert sich gegen Rechtsruck, AfD und Donald Trump.

 

Frank Turner & The Sleeping Souls verwandeln den Platz vor der Radio Bob! Bühne anschließend in einen riesigen Chor. Folk und Rock gehen ineinander über, Mandoline und andere akustische Instrumente ergänzen die elektrische Besetzung. Turner versteht es, das Publikum unmittelbar einzubeziehen. Aus einem zunächst folklastigen Set entwickelt sich eine energiegeladene Punkrockshow. Eine „Wall of Hugs“ und klare Ansagen für eine offene Gesellschaft passen dabei ebenso ins Bild wie sein sympathischer Versuch, zwischendurch Deutsch zu sprechen. Bei „No Fascist Song“ wird die Botschaft unmissverständlich: kein Bock auf Nazis.

 

Ein kurzer Abstecher zur Hofbühne führt zu Die Lieferanten. Der luftige und zugleich ausgesprochen tighte Sound fällt sofort auf. Ein Bläserquartett erweitert die klassische Viererbesetzung, während markanter Gesang und funkige Elemente für zusätzliche Farbe sorgen. Besonders die kanckigen Drums halten alles zusammen. Das Publikum tanzt, während die Songs mit einer Leichtigkeit durch die Menge getragen werden.

 

Im E-Werk wartet anschließend Mia Morgan mit einem spannenden Kontrast auf. Unverbrauchte Vocals treffen auf harte Riffs, die an modernen Melodic Metal erinnern. Trotz der enormen Hitze feiert das Publikum im Moshpit. Ein Schwert als Mikrofonständer und eine markante Bühnenpräsenz unterstreichen die eigenständige Ästhetik der Künstlerin. Besonders interessant ist der konsequent cleane Gesang – selbst dort, wo man im modernen Metal Screams erwartet.

 

Die Donots übernehmen anschließend die große Radio Bob! Bühne und machen von der ersten Sekunde an klar, weshalb sie zu den Festivalbands schlechthin gehören. Der Vorhang fällt und der gesamte Platz gerät in Bewegung. Punkrockenergie trifft auf hymnenhafte Melodien, während Sänger Ingo und seine Band vor Spielfreude förmlich überlaufen. Für die Donots ist es bereits der elfte Auftritt beim Open Flair, deshalb wird Ingo auf der Bühne sogar Vereinsmitglied beim Open Flair! Besonders emotional wird es, als eine Geschichte aus dem Festivalumfeld plötzlich Teil der Show wird. Sören, ein Besucher des Festivals, dessen Freunde über den damaligen Auftritt der Donots damals zur Stammzellenspende für ihn aufriefen, steht nun acht Jahre später wieder gesund und voller Vorfreude auf den Auftritt der Donots vor der Bühne. Als Sören selbst ungeplant auf die Bühne kommt, ist die freudige Überraschung bei Ingo riesig. Der Sänger zeigt sich sichtlich gerührt und die Band widmet ihm den Song „Hey Ralph“ angepasst auf Sören. Wenig später wird mitten im oder besser gesagt auf Publikum sogar noch Tischtennis gespielt – gegen einen Rollstuhlfahrer aus der Menge, der das Match schließlich gewinnt. Genau solche Momente machen aus einem Konzert mehr als eine reine Bühnenperformance.

 

Alien Ant Farm setzen danach auf Nu Metal, der an Bands wie Linkin Park und Deftones erinnert. Durchgängige Beats, schwere Riffs und punktuelle Breakdowns laden zum Kopfnicken ein. Die klassische Viererbesetzung wird durch einen Percussionisten erweitert, der nicht nur für zusätzliche Energie sorgt, sondern auch gesanglich Harmonien beisteuert. Die Band spielt ausgesprochen präzise. Die rosa Gitarre des Gitarristen bringt außerdem einen erfrischenden Farbtupfer in die ansonsten klassische Metalästhetik der Band.

 

Sonntag 

Der letzte Festivaltag beginnt bereits um zehn Uhr morgens mit OK KID – und Pfeffi. In Kooperation mit der Marke werden vor dem Auftritt Sticker und kleine mit dem grünen Gold gefüllte Mundsprays verteilt. Nach dem ersten Song wird gemeinsam mit der Band direkt angestoßen. Die Bühne besteht im Grunde aus ein paar aufgestellte Boxen und einem DJ Pult auf Biertisch, was den Auftritt von vornherein wunderbar ungezwungen macht. OK KID ziehen den Auftritt zu zweit durch, da ihr drittes Mitglied Moritz leider von einem Magen-Darm-Infekt erwischt wurde. Als technische Probleme und die Hitze den Sound beeinflussen, nimmt die Band die Situation mit Humor. Das minimalistische Setup tut dem vielseitigen Sound der Band keinen Abbruch. Die vom Band laufenden Instrumentals werden von Raffi live an der Gitarre sogar unterstützt. Die Stimmung ist trotz der frühen Tageszeit ausgezeichnet. Der Sänger springt ins Publikum, tanzt mit den Fans und lässt sich von ihnen tragen. Später regnet es plötzlich noch menschengroße, aufblasbare Pfeffi-Flaschen. Doch OK KID belassen es nicht nur bei Spaß und Pfeffi. Im weiteren Verlauf wird der Auftritt politisch und deutlich ernster. Solidarität, der Kampf gegen den Rechtsruck und die Bedeutung einer klaren Haltung werden thematisiert. Auch für unabhängige Festivals und gegen die zunehmende Kommerzialisierung großer Veranstaltungen findet die Band deutliche Worte. Nach diesem Erlebnis wird selbstverständlich eine Zugabe eingefordert. Besonders bodenständig ist der darauffolgende Moment. Die Band setzt sich mit dem Publikum hin, singt gemeinsam „Es ist wieder Februar“ und macht aus einem eigentlich improvisierten Moment einen der intimsten des Tages.

 

Still Talk schlagen am Nachmittag auf der Freibühne in die Pop-Punk-Kerbe und erinnern mit ihrer enormen Energie an frühe Paramore. Die Stimme der Sängerin setzt sich mühelos gegen den dichten Sound durch. Konfetti fliegt ins Publikum, die Menge tanzt und hat Spaß. Trotz einer Verletzung der zweiten Gitarristin, die bereits am Vortag beim Amplifire Festival umgeknickt war und deshalb im Sitzen spielt, bleibt die Performance kraftvoll. Ein Security-Mitarbeiter sorgt zwischendurch mit einem Wasserschlauch für Erfrischung. Musikalisch überzeugt die Band vor allem durch ihr tightes Zusammenspiel. Einzelne Screams der sitzenden Gitarristin verleihen den melodischen Songs zusätzliche Härte.

 

Hot Water Music bringen anschließend eine rauere Note in den Sonntag. Harsche Vocals, schnelle Beats und ein Mix aus Hard Rock, Rock’n’Roll und Oldschool-Punk bestimmen den Auftritt. Auch optisch wird dieser Charakter aufgegriffen: Vintage-Amps dominieren die Bühne. Schnelle Songs wechseln sich mit melodischen Refrains ab, ohne dass die Band ihre raue Grundhaltung verliert.

 

Abgelöst werden Hot Water Music von Buster Shuffle, die auf der Freibühne für beste Feierlaune sorgen. Boogie-Piano, Rock’n’Roll und Punkattitüde treffen auf energetischen Gesang. Der Frontmann am Piano hat das Publikum schnell im Griff und lädt zum Mitsingen ein. Der Sound ist verspielt und entwickelt sich zu einem weiteren dieser Festivalmomente, in denen sich Bühne und Publikum beinahe auflösen.

Giant Rooks leiten anschließend den Abend mit einem atmosphärischen Klangbild ein. Ein bassreiches Intro, die markante Stimme von Sänger Frederik Rabe und eine abgestimmte Lichtshow erzeugen sofort eine besondere Stimmung. Zwischen Indie-Rock und erfrischendem Pop bewegt sich die Band souverän und setzt auf eingängige Melodien. Gleichzeitig überrascht die Performance immer wieder: Der Sänger tanzt auf dem Klavier und wird bereits beim zweiten Song plötzlich zum Percussionisten, indem er nebenbei eine Tom-Trommel spielt.

 

Dann betritt Bosse die Bühne. Bereits der kunstvolle Vorhang mit seinem Blumenmotiv setzt einen besonderen Akzent. Zum Auftakt steht Bosse zunächst allein auf der Bühne und widmet den ersten Song einer Freundin, die als Journalistin einen Shitstorm auf Social-Media erlebt hat. Ein aus dem Publikum zusammengestellter Chor singt auf der Bühne mit. Aus „Lass dich nicht ficken“ wird wegen der anwesenden Kinder kurzerhand „Lass dich nicht zwicken“ – und schon die ersten Minuten sorgen für Gänsehaut. Bosse und seine nahezu orchestrale Band entfalten anschließend eine enorme musikalische Breite. Neben der klassischen Rockbesetzung sorgen Piano, Trompete und Cello für Tiefe. Bosse tanzt, geht vollkommen in der Musik auf und überträgt diese Energie unmittelbar auf das Publikum. Der gesamte Platz singt, klatscht und tanzt mit. Selbst gemeinsame Choreografien mit der Band entstehen spontan aus der Dynamik des Auftritts. Ein zweites, akustisches Setup schafft eine intime Atmosphäre, bevor die Band bei einem Song plötzlich in eine Technoversion wechselt. Bosse steht erhöht mitten im Publikum, während die Band von der Bühne aus mitfeiert. Der gesamte Platz springt. Anschließend folgen zunehmend elektronische Arrangements, die den Songs eine neue Dimension verleihen, ohne sie ihrer ursprünglichen Emotionalität zu berauben. Auch politisch bleibt Bosse klar. Mit „Hirn gegen Hass“ macht er auf ein Projekt aufmerksam, bei dem zehn Euro aus dem Verkauf entsprechender Shirts an Projekte gegen Rassismus und Rechtsextremismus gehen. Dazu kommt ein ausdrücklicher Dank an die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Open Flair. Dass am Ende sogar Kinder auf die Bühne kommen und neben der Band tanzen, passt perfekt zu einem Auftritt, der sich immer wieder um Gemeinschaft dreht. Mit einem letzten Konfettiknall verabschiedet sich Bosse schließlich – ein großer, emotionaler Moment.

 

Cari Cari setzen danach einen völlig anderen Akzent. Ein klassisches Orchesterintro mit abschließendem Gong eröffnen den Auftritt, bevor bluesige Grooves einsetzen, die an frühe White Stripes oder The Black Keys erinnern. Ein großer Lichtkreis hinter der Sängerin wirkt wie eine Sonne und verstärkt die ohnehin atmosphärische Inszenierung. Ihre schwebende Stimme wird dabei wie ein weiteres Instrument eingesetzt anstatt als klar erkennbare Stimme wahrgenommen zu werden. Die vielseitige Instrumentierung reicht bis zum Didgeridoo. Später wechselt die Sängerin selbst an die Drums und spielt gleichzeitig Mundtrommel. Ein hypnotischer Sound entsteht – genau die Art von Musik, die sich mit der eigenen Beschreibung der Band treffend zusammenfassen lässt: als hätte Quentin Tarantino einen Soundtrack geschrieben.

 

Zum großen Abschluss betreten Biffy Clyro die Bühne. Nach einem atmosphärischen Intro wächst das Trio mit zweiter Gitarre, Piano und schließlich sogar zwei Streichern zu einem voluminösen Klangkörper an. Schon nach kurzer Zeit öffnet sich der Pit. Stagediver werden über die Menge getragen. Ein Rollstuhlfahrer hat sichtbar Spaß,  während die übrigen Fans Rücksicht nehmen und gemeinsam mit ihm feiern. Es ist ein kleines, aber eindrucksvolles Bild für das, was das Open Flair über fünf Tage hinweg immer wieder auszeichnet: Gemeinschaft ohne Ausgrenzung. Musikalisch liefern Biffy Clyro ein Stadionrock-Gefühl, roh und modern zugleich. Schnelle Songs laden zu Mosh- und Circlepits ein, getragene Passagen geben dem Publikum Gelegenheit zum Durchatmen und fesselnde Hymnen zum Mitsingen. Die Band reißt nicht nur durch Lautstärke mit, sondern durch Atmosphäre und Dynamik.

 

Als hinter der Bühne schließlich das Feuerwerk aufsteigt, endet ein Festival, das in fünf Tagen unzählige musikalische Richtungen zusammengebracht hat. Und vielleicht liegt genau darin die größte Stärke des Open Flair: Es geht nicht allein um die großen Namen. Es geht um den Moment, in dem ein spontaner Stagedive mit Zelt passiert, um ein lautstarkes Geburtstagsständchen für den Mercher, Rollstuhlfahrer im Pit, eine flauschige Bananenente im Stagedive, Security, die in Kostümen Wasser ausschenken und Konfetti verteilen oder Tausende Menschen, die gemeinsam gegen Rechts singen. Das Open Flair verbindet große Bühnen mit kleinen, persönlichen Geschichten und einer klaren Haltung für Solidarität, Respekt und einer offenen Gesellschaft.

Und wer nach diesen fünf Tagen schon wieder dem nächsten Open Flair entgegenfiebert, muss nicht lange warten: Die Tickets für 2027 sind bereits hier erhältlich. Vom 4. bis 8. August 2027 geht es in Eschwege in die nächste Runde – dann mit einem lang ersehnten Wiedersehen: Die Ärzte kehren als Headliner zum Open Flair zurück. Wir freuen uns darauf!