Review: Danger Dan – „Keine Angst“

Keine Angst
Fotocredit
Album Cover
9
Ein wahres Meisterwerk

Wir durften für euch in „Keine Angst“ reinhören. Dabei handelt es sich um das neue Piano Soloalbum von Danger Dan.

Nachdem im Jahr 2021 „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ erschien, wollte sich Antilopen Frontmann Danger Dan eigentlich eine Pause nehmen. Doch schnell stellt er fest, dass aktuell nicht die richtige Zeit ist sich entspannt zurückzulehnen. Und so begab sich der Künstler in eine zweijährige Schreibphase. In den Songs, die vor allem nachts am Klavier entstanden, verarbeitete Danger Dan Reisen und Gespräche. „Keine Angst“ ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der Welt, der Angst und Danger Dan selbst.

Das Album nahm der Musiker einfach bei sich zu Hause auf, gemeinsam mit seinem Bruder Panik Panzer. Abgemischt wurde die Platte letztendlich von Philipp Schwär.

Neben dem uns vertrauten Piano Sound dürfen wir uns außerdem über einige Streicher auf dem Album freuen. Diese wurde von einem Streicherquartett in Zürich aufgenommen.

Insgesamt besteht das Rezept des Albums aus drei Zutaten: Dem Klavier, der Stimme und den einmaligen Texten.

Auf dem Album befinden sich 12 Songs, die wir im Folgenden vorstellen wollen:

 

  1. Die meisten meiner Freunde

 

Das Albums nimmt uns mit einer sehr fröhlichen Melodie in Empfang.

„Die meisten meiner Freunde“ hat durch die melodische Verspieltheit direkt Ohrwurmpotenzial.

Der Text ist, im Gegensatz zur Musik, nicht sehr heiter. Es ist ein Lied über das Ankommen und die Selbstfindung. Es handelt von einem Gefühl, welches sicherlich viele Menschen kennen. Während der Wunsch und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit stets präsent sind, fühlt man sich nirgendwo wirklich zugehörig.

Während des Hörens entwickelte sich bei uns eine Art Weltschmerz, welcher jedoch am Ende des Stückes versöhnlich abnimmt. Denn das Lied vermittelte uns, dass es vielen Menschen so geht. Und dieses Wissen lässt die Situation wieder ertragbarer erscheinen.

 

  1. Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen

 

Der zweite Song des Albums ließ uns beim ersten Hören sehr überrascht und erstaunt zurück. Die Diskrepanz zwischen der Tiefe des Textes und der musikalischen Gestaltung könnte wohl kaum größer sein. Die Musik ähnelt einem Comic Cartoon für Kinder.

Im Song malt Danger Dan eine Welt, in der Faschisten von der Gesellschaft so behandelt werden, als wären sie Frauen. In dieser Welt lernen die jungen Nazis schon früh sich zu unterwerfen und zu funktionieren. Sie werden belästigt und nicht ernst genommen. Aber hey, es werden ihnen Pralinen und Nelken gegen den Frust geschenkt.

Dass er zwei gesellschaftlich so wichtige Themen wie den Umgang mit Faschos und die Rolle von Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft in einem einzigen Song miteinander verbindet ist bemerkenswert. Auch die comicartige, fast schon absurde Komik des Songs steht dabei in einem spannenden Kontrast zu den ernsten Themen und macht das Ganze in seiner Kombination an Genialität kaum zu übertreffen.

Ein grandioser Song, der vor allem gegen Ende eine Überraschung mit sich bringt. Aber die wollen wir euch noch nicht verraten.

 

  1. Dass es hier so schön ist

 

Der Track „Dass es hier so schön ist“ ist wahrscheinlich einer der persönlichsten Songs, die Danger Dan je geschrieben hat. In einem Interview mit dem Tagesspiegel berichtete der Sänger über seine Diagnose. Er leidet an einer seltenen, genetisch bedingten Augenkrankheit, die eines Tages zur Blindheit führen wird.

In dem Song geht es um den Umgang mit der Krankheit, über Ängste und Sorgen, die damit einhergehen und das Verdrängen. Auch das Klavierspiel ist, im Gegensatz zu den ersten beiden Songs, von Schwere geprägt. Diese Schwere nahmen wir in jedem Tastenanschlag wahr.

Gleichzeitig ist es ein ungemein positiver Song, in dem uns Danger Dan an die Schönheit unserer Welt erinnert. Er beschreibt das, was viele Menschen nach dem Erhalt einer Diagnose fühlen. Eine neue Art der Wahrnehmung, eine neue Sicht auf die Dinge wird im Kopf freigeschaltet.

 

  1. Zum Späti

 

Mit „Zum Späti“ verspürten wir die erste inhaltliche Auflockerung des Albums. Ein süßes, leichtes, modernes Liebeslied, untermalt von Streichern. Musikalisch überzeugt der Song durch den Wechsel verschiedener Geschwindigkeiten und sorgt dadurch für viel Abwechslung.

 

  1. Warum es nicht geklappt hat

 

„Warum es nicht geklappt hat“ gehört für uns zu den stärksten Songs der Platte. Das Lied setzt sich mit dem eigenen Leben auseinander, mit verpassten Chancen, ungenutzten Momenten und der Erkenntnis, dass manche Dinge vielleicht erst verstanden werden, wenn es bereits zu spät ist. Gleichzeitig geht es um die Fähigkeit, Liebe zuzulassen und zu den eigenen Gefühlen zu stehen. Auch die Wahrnehmung der eigenen Person ist auch ein wiederkehrendes Thema im Text.

Der Song wirkt dabei auf uns wie ein innerer Monolog. Immer wieder steht die Frage im Raum, ob man vielleicht selbst zu feige war, die eigenen Gefühle anzuerkennen und sich einzugestehen, was man tatsächlich empfindet.

„Warum es nicht geklappt hat“ ist ein tiefgründiger, ehrlicher und zugleich angenehm rauer Song, der vor allem durch seine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst berührt.

 

  1. In der Roten Rose

 

Mit „In der Roten Rose“ erfährt das Album einen ersten Bruch. Während wir beim ersten Hören wenig mit dem Song anfangen konnten, wurde er mit der Zeit zu einem unserer Lieblinge.

Durch die sehr markante Spielweise bahnt sich der Song direkt seinen Weg ins Unterbewusstsein in unser Ohrwurmzentrum. Es ist eines dieser Lieder, bei denen man beim Hören kaum stillhalten kann. Der Song hat einen ganz eigenen Schunkelcharakter und lädt sofort zum Mitwippen ein.

Er erzählt von einer nächtlichen Kneipenschlägerei in der Roten Rose. In dem rasanten Song beschreibt Danger Dan das Geschehen so bildhaft, dass man das Gefühl bekommt, selbst mitten im Chaos zu stehen. Alle schlagen aufeinander ein, unterschiedliche Meinungen prallen aufeinander und so einiges geht zu Bruch. Doch plötzlich passiert etwas, das die Beteiligten innehalten lässt und sie dazu bringt, sich zu versöhnen und gemeinsam für eine Sache einzustehen.

Was genau diese überraschende Wendung auslöst, wollen wir an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten.

 

  1. Für Immer

 

Der Song „Für immer“ gehört für uns zu den emotionalsten Momenten der Platte. Gewidmet ist er dem Antilopen-Gründungsmitglied NMZS und setzt sich mit einem Gedanken auseinander, den vermutlich viele Menschen kennen. Wie fühlt sich der Verlust eines Menschen direkt nach dem Tod an und wie verändert sich eben jenes Gefühl im Laufe der Jahre?

Direkt nach dem Verlust scheint der Schmerz unendlich. Der Gedanke, dass es für immer so weh tut und so bleiben wird, ist allgegenwärtig. Doch mit der Zeit wird dieser Schmerz immer leiser. Danger Dan beschreibt die Brutalität des Lebens, in dem es einfach weitergeht, ohne innezuhalten.

Die Schwere des Liedes lässt auch nach mehreren Durchläufen eine Kloß im Hals und Gänsehaut zurück.

Er erinnert daran, dass selbst die Erinnerung an Menschen, von denen man einmal dachte, man würde sie niemals vergessen, mit der Zeit verblassen kann.

Neben dieser schmerzhaften Erkenntnis schafft der Song auch gleichzeitig etwas Tröstliches. Denn der Schmerz bleibt nicht für immer gleich. Neben der Wut über den Verlust des Menschen und der damit verbundenen Erinnerungen bleibt auch die Gewissheit, dass irgendwann wieder leichtere und schönere Tage kommen werden.

 

  1. Der Versicherungsvertreter lebe hoch

 

Wie der Titel des Liedes bereits erahnen lässt, handelt es sich um eine herrlich ironische und humorvolle Nummer. Dabei hält Danger Dan den Deutschen auf gewohnt überspitzte Art einen Spiegel vor.

Zum Glück braucht Danger Dan für seine Arbeit keine Rechtsschutzversicherung, denn schließlich ist das Ganze Kunst und damit von der Kunstfreiheit gedeckt.

 

  1. Jede Grenze, jedes Gesetz, jeder Gott

 

So langsam nähert sich das Album seinem Ende und mit „Jede Grenze, jedes Gesetz, jeder Gott“ folgt ein Song, der dazu aufruft, sich nicht in ein gesellschaftliches Korsett pressen zu lassen. Grenzen, Gesetze und religiöse Vorstellungen erscheinen in dem Stück als menschengemachte Konstruktionen und nicht als unveränderliche Wahrheiten. Wirklich sicher ist nur, dass wir nackt auf diese Welt kommen und sie nackt verlassen. Alles, was wir dazwischen besitzen, ist letztlich nur geliehen.

Damit wird der Song für uns zu einer Liebeserklärung an ein freies, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben.

 

  1. Nie zur Ruh

 

Mit „Nie zur Ruh“ erreicht das Album seinen zehnten Song und gleichzeitig einen der Texte, über die wir am längsten nachgedacht haben. Der Song wirkt dabei wie zweigeteilt. Zunächst wird die eigene Rastlosigkeit beschrieben. So beschreibt er, wie alles Verbotene nach ihm ruft und der Teufel immer wieder seinen Namen ruft.

Im zweiten Teil des Liedes wird daraus eher ein Plädoyer gegen den Stillstand, denn wer nie mit dem Feuer spielt, wird auch nie für etwas brennen. Das abschließende „Nie zur Ruh“ im Refrain wird so schließlich zur Aufforderung an den Hörer, sich selbst nicht mit Stillstand zufriedenzugeben.

 

  1. Keine Angst

 

Mit „Keine Angst“ folgt der Titelsong des Albums. Über diesen Song wurde in den vergangenen Monaten in Deutschland bereits ausführlich in den verschiedensten Formaten diskutiert und unzählige Meinungen wurden dazu ausgetauscht.

Deshalb wollen wir gar nicht versuchen, noch eine weitere große Analyse hinzuzufügen. Wir wollen stattdessen einfach betonen, wie großartig und genial dieser Song ist, sowohl musikalisch als auch textlich.

Danke Daniel, für dieses Meisterwerk deutscher Musik

Alerta, alerta, antifascista!

 

  1. Aber dann

 

„Aber dann“ erzählt von verschiedenen Lebensgeschichten und Generationen, von scheinbaren Ausweglosigkeiten und den ewigen „Ja aber“-Erzählungen, mit denen wir uns selbst im Kopf Grenzen setzen.

Gleichzeitig stellt der Song dem ein „Aber dann“ entgegen. Das „Ja, geht doch“, das man erst aus der Perspektive erkennt, wenn die schwierigen Zeiten und Probleme überwunden sind. Es geht um den Glauben daran, dass es wieder besser werden kann, selbst wenn eine Situation im Moment noch völlig aussichtslos erscheint.

Für uns ist „Aber dann“ einer der stärksten Songs der Platte, gerade auch als Abschluss nach „Keine Angst“. Wo der vorherige Song dazu aufruft, sich nicht einschüchtern zu lassen, schenkt „Aber dann“ den Blick nach vorn.

Gerade in einer Zeit, in der unser Land so gespalten wirkt, ist diese Botschaft wichtig. Eben nicht den Glauben zu verlieren, dass Veränderungen möglich ist, aber auch selbst etwas dafür zu tun, damit wir irgendwann zurückblicken und sagen können: „Ja, aber dann.“

 

Fazit

 

Insgesamt finden wir „Keine Angst“ ein unglaublich starkes und vor allem wichtiges Album.

Gerade die letzten drei Songs stehen dabei in einer besonderen Verbindung zueinander. Sie fordern dazu auf, nicht zur Ruhe zu kommen, keine Angst zu haben und trotzdem die Hoffnung nicht zu verlieren. Die drei Lieder bilden damit für uns einen starken Abschluss, der noch lange nachwirkt.

Überrascht hat uns vor allem die Zusammenstellung der Songs.

Dass zwischen „In der Roten Rose“ und „Der Versicherungsvertreter leben hoch“, zwei eher humorvollen Songs, die trotz allem deutliche Kritik transportieren, ausgerechnet „Für immer“ steht, hat uns zunächst etwas irritiert.

Ganz einig sind wir uns bis heute nicht, wie wir diese Anordnung finden sollen. Gleichzeitig passt sie vielleicht gerade deshalb so gut. Das Album ist genauso wenig geradlinig wie das Leben selbst. Es gibt schon einen roten Faden, aber eben auch Brüche, Überraschungen und völlig unterschiedliche Stimmungen.

Jeder Song steht dabei auf seine eigene Art für sich und bietet etwas, über das man nachdenken kann.

„Keine Angst“ ist definitiv kein Album, das man nebenbei laufen lässt. Man sollte sich darauf einlassen, zuhören und sich die Zeit nehmen, die Texte wirklich auf sich wirken zu lassen. Wer das tut, bekommt ein unglaublich vielseitiges, kluges und musikalisch starkes Album!

 

Unser Fazit


Sound
9
Inhalt
10
Kreativität
8
Artwork
8
Wiederhörwert
10