Devin Townsend am 28.09.2026 in Köln

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Fotocredit
Andre Wilms

Wir schreiben das Jahr 2026 nach Christus. Es ist der 28. September, und an diesem Tag durfte ich in der Stadthalle zu Köln Zeuge werden, wie Devin Townsend es auf seiner Metamorphosis Tour schafft, sein Lebenswerk auf eine Art und Weise zu zelebrieren, wie ich es noch nie zuvor von einem anderen Künstler erlebt habe.

Ein Mann, seine Gitarre und seine Stimme – mehr wird heute nicht geboten und auch nicht benötigt. Eine Ausnahme bilden „Lightworker“ und „From the Heart“, bei denen er sich nach vorheriger Ankündigung Unterstützung von Backingtracks holt.

Der Meister der großen, bombastischen Songs zieht heute blank – und dies gleich in mehrfacher Hinsicht.

Alles, was dieser großartige Künstler bisher erschaffen hat, wird auf das Nötigste reduziert: seine Stimme und eine akustische Gitarre.

Als Devin im Schlabberlook um 20 Uhr die Bühne betritt, wird es erst einmal ein wenig skurril, denn er kniet sich vor ein Blatt Papier und fängt an zu malen. Danach schlurft er gemütlich zu seinen Gitarren, begrüßt das Publikum und merkt an, dass er etwas angeschlagen sei und vielleicht nicht so gut singen könne wie sonst.

Papperlapapp! Selbst angeschlagen singt er alles und jeden in Grund und Boden.

Anschließend umreißt er grob, was einen heute Abend erwartet: eine Reise durch die bisherige musikalische Geschichte des Devin Townsend.

Was dann kommt, ist jedoch kaum in Worte zu fassen. Es ist eine Mischung aus Biografie, Therapiesitzung, Comedy und Konzert.

Devin ist ein selbstreflektierter, selbstironischer und zerrissener Mensch, der erst in den letzten Jahren angefangen hat, seinen Frieden mit sich zu schließen.

Doch der Reihe nach, denn alles hat seinen Anfang. Und so erzählt er von seiner Jugend, seiner Highschool-Zeit als Nerd und davon, wie er in die Schulband kam, weil er gut Gitarre spielen konnte. Allerdings erzählt er auch von seinem besten Freund, der ermordet wurde, als Devin 14 Jahre alt war, und von dem Tag der Beerdigung, der ihn dazu brachte, den Song „Funeral“ zu komponieren, der Jahre später auf Ocean Machine veröffentlicht wurde.

Dieser Song war dann auch der Einstieg des Abends und hinterließ sicherlich nicht nur bei mir einen Kloß im Hals.

Die nun folgende Version des Strapping-Young-Lad-Songs „Love“ in der „Unplugged“-Version basiert auf einem auf die Grundtöne reduzierten Gitarrenriff, das stoisch einen hypnotischen Sog entfaltet und durch Devins Gesangsausbrüche einen beeindruckenden Spannungsbogen bekommt.

Mit „Ih-Ah“ folgt der erste richtige Gute-Laune-Song und lockert die Stimmung wieder etwas auf.

Was nun folgt, ist die Odyssee des Devin Townsend bis zur ersten Strapping-Young-Lad– und Ocean-Machine-Phase. Während der Erzählung, die nur durch kurze Snippets von „Fake Punk“ von Punky Brüster und „S.Y.L.“ unterbrochen wird, bleibt kein Auge vor Lachen trocken.

Immer wieder kommen skurrile Anekdoten aus den Anfangsjahren.

Mit „Deadhead“ folgt wieder ein vollständiger Song und eine unglaubliche Gesangsperformance.

Während der nun folgenden Erzählung über die Veröffentlichung von City und Ocean Machine spielt er Ausschnitte aus „AAA“ und „Christeen“.

Er berichtet über seinen Gottkomplex, den er zu dieser Zeit etwa ein Jahr lang hatte, und über weitere psychische Probleme, darunter auch seine bipolare Störung, die er im weiteren Verlauf des Abends immer wieder aufgreift.

Der Gottkomplex machte ihn für die Menschen um ihn herum unausstehlich, und sein nächstes Album war eine Art Generalentschuldigung an alle, die er vor den Kopf gestoßen hatte.

Außerdem wurde er in dieser Zeit immer stärker innerlich zerrissen zwischen der wütenden Musik von SYL und seinen anderen Songs, die wesentlich positiver ausfielen.

Zum Ende des ersten Sets setzt er zum ersten Mal Backings ein und spielt „Lightworker“.

Nach einer 20-minütigen Pause beginnt er mit dem Solo von „Deep Peace“ – dem einzigen Stück des Abends mit E-Gitarre –, bevor er mit „Bring Him Home“ ein spektakuläres Cover eines Songs aus dem Musical Les Misérables performt.

Weiter verfolgt er seinen chronologischen Ansatz und erzählt auf seine unnachahmlich humorige Art, wie die nächsten Alben entstanden sind. Untermalt wird dies mit einem weiteren Ausschnitt eines SYL-Songs, nämlich „Aftermath“, gespielt auf einer verzerrten Akustikgitarre.

Mit „Storm“ folgt wieder ein vollständiger Song, ehe er „Deep Peace“ erneut aufgreift. Er stellt ihn als einen Song vor, den Menschen hören, bevor sie sterben. Hier spielt er allerdings nur den ersten Teil und lässt das Solo weg.

Es geht weiter mit Synchestra und der letzten SYL-Phase. Danach hinterfragt er sich und horcht in sich hinein, um herauszufinden, was er nun machen möchte.

Er spielt „Let It Roll“ vollständig und „Almost Again“ nur an.

Die Geburt seines Kindes stellt einen weiteren Wendepunkt in seinem Leben dar, der ihn gleichzeitig ängstigt. In dieser Zeit wird Ziltoid, das Kaffee trinkende Alien, geboren. Hier spielt er einen Ausschnitt von „Solar Winds“.

Die kommende Sektion aus Alben wird leider sehr stiefmütterlich behandelt. Hier handelt es sich um die sehr gegensätzlichen Alben Ki, Addicted, Deconstruction und Ghost, von denen er jeweils nur Auszüge präsentiert.

„Coast“, „Supercrush!“, „The Mighty Masturbator“ und „Feather“ spielt er an.

Fun Fact: Bei „The Mighty Masturbator“ spielt er ein paar Takte und merkt an, dass die Produktion von Deconstruction 200.000 Dollar gekostet habe, er sich aber kaum an mehr als die gerade gespielten Takte erinnern könne!

Nun kommt er zu Epicloud und spielt daraus „Kingdom“ an. Er kündigt den Song mit den Worten an, dass er ihn noch nie auf der Akustikgitarre gespielt habe und das nach einer Spoiler-Warnung nicht wirklich gut funktionieren würde. Er möchte es aber dennoch ausprobieren.

„Kingdom“ mit verzerrter Akustikgitarre funktioniert tatsächlich eher semi. Es bleibt auch hier nur bei einem Ausschnitt.

Bevor es wieder zu einem kompletten Song kommt, wirft er noch einen weiteren Ausschnitt ein, hier „Midnight Sun“.

Nun kommen wir zur Empath-Phase. Hier erzählt Devin davon, dass er es zum ersten Mal in seinem Leben geschafft habe, sich mit seinen Monstern und Engeln zu versöhnen und versucht habe, diese in Einklang zu bringen.

Mit „Why“ spielt er eines der Herzstücke des Albums und wirkt tatsächlich versöhnt mit sich selbst.

Mit „From the Heart“ wird das Ende der Show eingeläutet, welche mit „Life“ ihren krönenden Abschluss findet und in Standing Ovations endet.

Wie Devin während der Show sagte: „Alles ist das Gleiche, von Punky Brüster bis The Moth, nur die Farben ändern sich.“

Es war ein denkwürdiger Abend mit einem Künstler, der für mich zu den größten und interessantesten unserer Zeit gehört und den ich als einen Höhepunkt meiner mittlerweile 50 Erdenjahre im Gedächtnis behalten werde.

Vielen Dank an Andre Wilms  für das bereitstellen seiner Fotos!