Ghostkid finden einen Platz in der eigenen Nische
Wer nach dem grandiosen Self-Titled-Debüt (2020) und dem etwas zerfahrenen Vorgänger Hollywood Suicide (2024) befürchtete, Sebastian „Sushi“ Bieslers Projekt würde sich im Niemandsland zwischen Synthie-Überfrachtung und Füllmaterial verlieren, darf erst einmal aufatmen. Mit Follow The White Rabbit liefert Ghostkid den dritten Longplayer ab und schlägt eine Brücke aus der kreativen Zwickmühle. Dabei beginnt Sänger Sushi wieder einmal von ganz vorne: Alle Bandmitglieder wurden ausgetauscht, sodass Biesler nun u.a. mit Ex-Electric Callboy Drummer David Friedrich zusammenarbeitet.
Stand der Vorgänger noch im Schatten eines hohen Erwartungsdrucks und einer spürbaren Zerrissenheit, wirkt das neue Album fokussierter, auch wenn Biesler seiner Formel treu bleibt: Düstere, persönliche Katharsis, verpackt in modernen Industrial Metalcore mit elektronischen Trap-Elementen. Begleitet wird der Release von einer anstehenden Headliner-Tour quer durch Europa im nächsten Jahr, was die Frage aufwirft: Schafft es die neue Scheibe, den Live-Katalog wirklich nachhaltig aufzuwerten?
Die Singles ebnen den Weg durch den Kaninchenbau
Mit den vorab veröffentlichten Tracks zeigte sich bereits, dass Ghostkid klanglich wieder deutlich mehr Zug zum Tor entwickeln und die Schwächen des Vorgängers stellenweise ausbügeln.
„Ivory“ machte im Hochsommer den Anfang und markiert rückblickend einen der stärksten Songs des Albums. Nach dem düsteren, atmosphärischen Intro „The End“ bricht der Track förmlich über den Hörer herein. Die Dynamik stimmt hier wieder: Ein fragiler, getragener Klargesang in den Strophen baut eine spürbare Beklemmung auf, bevor die Hook mit voller Wucht zuschlägt und Bieslers Screams genau die rohe Intensität transportieren, die man auf der zweiten Hälfte von Hollywood Suicide oft vermisst hat.
Mit „I Destroyed You“ folgte kurz vor Album-Release die nächste Breitseite. Hier wird das Tempo merklich forciert. Tiefergestimmte Gitarrenwände prallen auf messerscharfe Hi-Hats und moderne Trap-Produktion, ohne dass der Metalcore-Kern im Synthesizer-Matsch ertrinkt. Vor allem der Breakdown am Ende ist kompromisslos gesetzt und dürfte in den anstehenden Clubshows für mächtig Bewegung im Pit sorgen.
Die Vorboten machten definitiv wieder Lust auf das Gesamtwerk, ließen aber die berechtigte Frage offen, ob der Rest der Platte dieses Niveau halten kann.
Musikvideo zu „Ivory“:
Das Album im Detail: Höhepunkte und bekannte Muster
Der titelgebende Track „Follow The White Rabbit“ fungiert als konzeptioneller Dreh- und Angelpunkt. Inspiriert von Lewis Carrolls Klassiker (allerdings eher in der verstörenden Machart eines American McGee’s Alice) gelingt Biesler hier ein stimmiges Zusammenspiel aus Cyberpunk-Vibes, beklemmenden Texten und einer hymnischen Hook.
Direkt danach zeigt sich das Album jedoch wieder von einer durchwachseneren Seite:
„Mother Death“ prescht zwar mit Blastbeats und finsterer Aggression nach vorne, verliert sich aber stellenweise in über produzierten Soundeffekten, die der Gesangslinie die Durchschlagskraft rauben. Mit „Purple Snakes“ und „Give Your Kids A Gun To Play“ kehrt Ghostkid zu vertrauten Mustern zurück. Ersteres plätschert streckenweise etwas beliebig im Mid-Tempo vor sich hin und erinnert fast zu stark an ältere Songstrukturen. Zweiteres wiederum punktet mit zynischer Nu-Metal-Kante und drückenden Grooves, wirkt aber rhythmisch fast überladen. Das Feature „Neon“ (feat. Maz Univerze) bringt eine willkommene Abwechslung. Maz fügt sich erstaunlich organisch in das düstere Trap-Metal-Korsett ein, auch wenn Puristen die elektronische Dominanz hier erneut sauer aufstoßen könnte. Zum Ende hin drosselt das Album das Tempo: „Unconditionally“ und „Lovely“ wagen sich an ruhigere Töne, wirken dabei jedoch deutlich gereifter und weniger wie unausgegorene Füller im Stile von „Valerie“ oder „S3x“. Den Abschluss bildet „White Rainbow“, der die Platte überraschend melancholisch und getragen ausklingen lässt. Kein gewaltiger Breakdown zum Finale, sondern ein fast resignierender, emotionaler Schlusspunkt.
Musikvideo zu „I Destroyed You“:
Fazit
Follow The White Rabbit ist kein zweites Debüt-Album, aber eine deutliche Kurskorrektur nach den Schwächen von Hollywood Suicide. Sebastian Biesler hat das Songwriting wieder straffer gezogen und beweist vor allem bei Tracks wie „Ivory“, „I Destroyed You“ und dem Titeltrack ein hervorragendes Gespür für funktionierende Hooks und rohe Energie.
Zwar schleichen sich im Mittelteil erneut ein paar Momente ein, die etwas generisch wirken oder unter zu vielen Samples ersticken, doch das Gesamtbild ist merklich geschlossener und atmosphärisch dichter geraten. Für Fans des modernen Modern- und Trap-Cores ein absolut lohnenswerter Trip in den Kaninchenbau.
Redaktioneller Hinweis (JM): Die vergebene Punktzahl für „Artwork“ geht nicht in die Gesamtpunktzahl mit ein, da diese nur die musikalische Qualität widerspiegeln soll. Es wird versucht alle Bands/Künstler im Kontext ihrer derzeitigen Größe und Möglichkeiten zu bewerten.





