Review: SIAMESE – “dissolution“

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Album Cover
8.7
Zwischen Zerfall und Neuanfang

Manchmal entstehen die wichtigsten Alben genau dann, wenn eigentlich keines geplant war. Nach dem Erfolg von Home (2021) und Elements (2024) standen SIAMESE an einem Scheideweg. Der Ausstieg eines zentralen Songwriters stellte die dänische Formation vor eine Identitätskrise – und wurde gleichzeitig zum Auslöser für ihr bislang ehrlichstes und intensivstes Werk. dissolution ist nicht nur ein Albumtitel, sondern eine Zustandsbeschreibung: Auflösung alter Strukturen, alter Gewissheiten und letztlich auch alter kreativer Prozesse.

Bereits der Opener „dark“ macht unmissverständlich klar, dass SIAMESE diesmal weniger auf die poppigen Hooks der Vergangenheit setzen. Die Gitarren sind schwerer, die Atmosphäre dichter und Frontmann Mirza Radonjica-Bang liefert eine seiner emotionalsten Gesangsleistungen überhaupt ab. Songs wie „drown“ und „sense“ verbinden moderne Metalcore-Härte mit den charakteristischen Melodien der Band, wirken dabei aber deutlich rauer und unmittelbarer als auf den Vorgängern.

Thematisch kreist dissolution um eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung, die sich wie ein roter Faden durch die zwölf Songs zieht. Die emotionale Last dieser Geschichte verleiht dem Album eine bemerkenswerte Tiefe. Besonders „alone“ und „friends“ zeigen, wie gekonnt SIAMESE persönliche Verletzlichkeit mit hymnischen Refrains verbinden können, ohne dabei in Kitsch abzudriften.

Mit „sinner“ und dem Titeltrack „dissolution“ erreicht die Platte ihren aggressivsten Punkt. Hier verschmelzen moderne Metal-Riffs, elektronische Elemente und ein fast schon verzweifelter Grundton zu einem Sound, der deutlich kantiger ausfällt als alles, was die Band bisher veröffentlicht hat. Gleichzeitig beweisen Stücke wie „patterns“ und „nevermore“, dass SIAMESE ihre Fähigkeit für große Melodien keineswegs verloren haben.

Ein besonderes Highlight ist „reveries“, auf dem die britischen Post-Hardcore-Durchstarter Caskets als Gäste auftreten. Die Kombination beider Stimmen funktioniert hervorragend und sorgt für einen der stärksten Momente des Albums. Im letzten Drittel steigern „reaper“ und „twisted“ die Intensität noch einmal, bevor das Album mit einem Gefühl endet, das irgendwo zwischen Akzeptanz und Resignation liegt.

Produktionstechnisch präsentiert sich dissolution makellos. Die Balance zwischen modernen Metal-Sounds, elektronischen Texturen und emotionalem Songwriting wirkt organischer als je zuvor. Wo frühere SIAMESE-Veröffentlichungen gelegentlich zwischen Mainstream-Appeal und Härte schwankten, findet die Band hier eine beeindruckende Klarheit.

dissolution ist kein leichtes Album. Es fordert Aufmerksamkeit, verarbeitet persönliche Konflikte und verzichtet auf den einfachen Weg. Gerade deshalb markiert es einen entscheidenden Entwicklungsschritt für SIAMESE. Die Band klingt geschlossener, fokussierter und emotional glaubwürdiger als jemals zuvor.

Unser Fazit


Sound
9
Inhalt
9
Kreativität
9
Artwork
8
Wiederhörwert
8.5