Wer glaubte, Enslaved hätten mit ihren mythologischen Meilensteinen Utgard (2020) und Heimdal (2023) den Gipfel ihrer kreativen Transformation erreicht, wird mit Mið eines Besseren belehrt. Wo die Vorgänger noch schwellenartige Übergänge und kosmische Mythologie erkundeten, schlägt das neue Werk der Norweger einen Haken in eine Unerwartete, aber zutiefst schlüssige Richtung. Mið – altnordisch für „Zentrum“ oder „Mitte“ – versteht sich nicht als Stillstand im Zentrum des Sturms, sondern als das Ausloten von Gegenpolen, Dialogen und innerer Harmonie.
Schon das atmosphärische Intro „Non-Being“ legt einen teppichartigen Schleier aus Melancholie und Erwartung aus, bevor „I Am Ice“ die Hörer eiskalt erwischt. Die Zusammenarbeit mit dem joikenden indigenen Künstler Johan Sara Jr. verleiht dem Song eine schamanische, fast mystische Urgewalt, die meilenweit über klassischen Extreme Metal hinausreicht.
Mit „Solar Will“ und „Mountain“ zeigen sich Enslaved in absoluter Höchstform: Die Band lässt organische Progroffs, nordische Härte und vielschichtige Gesangsharmonien ineinandergreifen, als gäbe es keine Genreschranken mehr. Die musikalische Verbindung innerhalb des Quintetts wirkt intimer und instinktiver denn je.
Ein echtes Novum und emotionales Highlight der Platte ist „Spirit Helper“. Durch die Mitwirkung von Kevin Kicking Woman fließen indigene nordamerikanische Einflüsse in den Song ein – ein mutiges Experiment, das durch die bestechende Dynamik der Band vollkommen aufgeht und die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt.
Über das episch auswalzende „Parting“ und das folkloristisch angehauchte „Tales of Trees“ steuert das Album auf seinen ultimativen Höhepunkt zu: Der siebenminütige Titeltrack „I Miðju“ bündelt noch einmal alle Stärken der Norweger. Hier verbinden sich organische Härte, tiefschürfende Philosophie und schwelgerische Melodien zu einem erhabenen Ganzen.





