Am 14. Oktober macht die „Bevor der Mut dich verlässt“-Tour der Band Das Lumpenpack Halt im Leipziger Haus Auensee – genauer gesagt zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen. Nachdem bereits der Vorabend ausverkauft war, steht für Max Kennel, Jonas Frömming und ihre Band eine Zusatzshow auf dem Programm.
Bevor Das Lumpenpack selbst übernimmt, gehört die Bühne zunächst Van Holzen. Und die benötigen nicht viel Anlaufzeit. Das Trio präsentiert sich einmal mehr als ausgesprochen starke Liveband: enorm tight, präzise und mit einer Wucht, die unmittelbar im Publikum ankommt.Der Sound drückt, die Band spielt konzentriert und gleichzeitig mit spürbarer Leidenschaft. Gerade diese Kombination macht Van Holzen live so überzeugend. Trotz der kontrollierten musikalischen Präzision wirkt hier nichts steril. Die Energie wandert direkt von der Bühne in den Saal.
Einen besonderen Moment gibt es bei „Himmel“. Für den gemeinsamen Song kommt Mathias Bloech von Heisskalt als Gast auf die Bühne. Das Zusammenspiel funktioniert ebenso selbstverständlich wie der restliche Auftritt und setzt einen zusätzlichen Akzent in einem ohnehin gelungenen Support-Set.
VAN HOLZEN
Zwischen Punkrock und Pointe
Schon der Einstieg macht deutlich, dass Das Lumpenpack den Abend nicht als bloße Aneinanderreihung von Songs versteht. Nach einem Intro mit eingesprochenen Nachrichten aus der eigenen Community steht Jonas zunächst allein vor dem geschlossenen Vorhang. Dann fällt dieser, Konfetti schießt durch den Raum und mit „Bevor der Mut dich verlässt“ steht plötzlich die komplette Band auf der Bühne.Von da an entwickelt sich eine Show, die erstaunlich flüssig zwischen Konzert, Comedy und Austausch mit dem Publikum wechselt. Songs gehen nahezu nahtlos ineinander über, Ansagen werden selten beendet, ohne dass irgendwo noch eine Pointe untergebracht wird, und Jonas und Max greifen immer wieder Situationen aus dem Saal auf.
Gerade darin liegt eine große Stärke des Lumpenpacks. Die beiden wirken trotz der großen Bühne erstaunlich nahbar. Wenn Jonas einzelne Menschen im Publikum anspricht oder Max mit trockenem Kommentar eine Situation aufgreift, entsteht zeitweise weniger der Eindruck einer sauber durchchoreografierten Rockshow als vielmehr der eines Abends mit zwei Freunden, die zufällig noch eine verdammt gute Band dabeihaben.
Und genau diese Band verdient besondere Aufmerksamkeit. Musikalisch hat sich Das Lumpenpack längst weit von den früheren Auftritten als Duo entfernt. Die Musiker spielen ausgesprochen tight und technisch versiert, ohne den Songs ihre Leichtigkeit zu nehmen. Punkige Direktheit trifft auf ausgearbeitete Arrangements, druckvolle Gitarren auf eingängige Melodien. Gleichzeitig ist allen auf der Bühne anzumerken, wie viel Spaß sie haben. Die humoristischen Elemente funktionieren deshalb nie wie Unterbrechungen des Konzerts. Sie gehören zu dessen Rhythmus.
Für die Zusatzshow in Leipzig hat die Band zudem einige Gäste dabei.Bei „Kruppstahl, Baby“ steht plötzlich Julius Fischer mit auf der Bühne. Der Leipziger fügt sich hervorragend in den Abend ein. Später bekommt auch „Boys“ Unterstützung. Lisa von ELL übernimmt gemeinsam mit der Band das Stück und sorgt für einen weiteren Überraschungsmoment. Beide Gastauftritte wirken dabei nicht wie große, künstlich inszenierte „Special Guests“, sondern fügen sich angenehm selbstverständlich in den Ablauf ein.
Max fährt die Karre vor die Wand – oder auch nicht? Mit Rennanzug und Helm geht es hinein ins Publikum. Während sich die Aufmerksamkeit des Saals auf den vermeintlich crowdsurfenden Max richtet, folgt allerdings die Auflösung: er selbst befindet sich längst auf dem Weg zu einer kleinen B-Stage mitten im Raum. Ein herrlich absurder Trick – und gleichzeitig die perfekte Überleitung in einen deutlich intimeren Teil des Konzerts. Plötzlich stehen Jonas und Max nicht mehr weit entfernt auf der großen Bühne, sondern mitten zwischen den Menschen. Was zuvor schon nahbar wirkte, bekommt hier noch einmal eine andere Dimension.
Blockflöte und Triangel
Bei der Zugabe mit „Pädagogen“ erreicht die Selbstironie dann ihren musikalischen Höhepunkt. Statt großer Punkrock-Instrumentierung werden plötzlich Erinnerungen an den Musikunterricht der Grundschule wach. Blockflöte, Triangel und Xylophon prägen die Akustikversion des Songs und sorgen im Licht eines Polyluxes für ein Klangbild, das auf dem Papier kaum weiter von einer Rockshow entfernt sein könnte.
Und trotzdem passt es perfekt. Gerade weil Das Lumpenpack musikalisch längst auf einem ausgesprochen hohen Niveau angekommen ist, kann sich die Band solche Momente erlauben. Die Instrumentierung wirkt nicht wie ein billiger Gag, sondern wie eine konsequent weitergedachte Version ihres eigenen Humors: technisch sauber gespielt und gleichzeitig wunderbar albern.Dass ausgerechnet Blockflöte und Triangel zu den Instrumenten gehören, die an diesem Abend einen der erinnerungswürdigsten Momente prägen, fasst die Band fast schon exemplarisch zusammen.
Bei all den Pointen verliert der Abend jedoch nie seine inhaltliche Ebene. Das Lumpenpack formuliert immer wieder eine klare politische und gesellschaftliche Haltung. Toleranz, gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt ziehen sich durch die Ansagen. Auch FLINTA*- und Mamas-Moshpits gehören zum Konzept der Show. Ein Awareness-Team ist ebenfalls vor Ort. Bemerkenswert ist dabei weniger, dass diese Themen angesprochen werden, sondern wie selbstverständlich sie mit dem restlichen Abend verbunden sind.
Das Lumpenpack schafft es, ernste Themen anzusprechen, ohne dass die Stimmung dadurch kippt. Humor wird nicht benutzt, um Aussagen abzuschwächen, sondern um sie zugänglich zu machen. Hinter den Witzen bleibt die Botschaft klar. Und vielleicht erklärt genau das, weshalb die viel beschworene Gemeinschaft an diesem Abend tatsächlich spürbar wird. Jonas und Max reden nicht nur davon, dass Menschen aufeinander achten sollen. Die gesamte Show ist darauf ausgelegt, das Publikum einzubeziehen, Nähe herzustellen und möglichst viele Menschen Teil des Abends werden zu lassen.
Zum Schluss zieht die Band das Tempo noch einmal an, der Saal singt, springt und feiert. Und irgendwann erreicht der Abend mit „Rücken an Rücken“ seinen letzten großen Höhepunkt. Dann knallt es. Konfetti schießt durch den Saal und fällt über Publikum und Band, während die letzten Töne durch den Raum gehen. Ein entsprechend großes Bild zum Abschluss einer Show, die trotz ihrer Inszenierung nie distanziert oder überladen wirkte.
Genau darin liegt am Ende vielleicht die größte Qualität des Lumpenpacks. Die Band kann eine große Rockshow spielen. Sie kann Konfetti abfeuern, eine zweite Bühne mitten im Publikum aufbauen, Gäste einladen und mit einer technisch hervorragenden Liveband einen ganzen Saal in Bewegung bringen. Und trotzdem verlässt man das Haus Auensee nicht mit dem Gefühl, gerade einer unerreichbaren Band bei einer perfekt produzierten Show zugesehen zu haben. Es fühlt sich vielmehr ein bisschen so an, als hätte man gemeinsam mit Max, Jonas und ein paar tausend anderen Menschen einen verdammt guten Abend unter Freunden verbracht.



















































