Interview/Review: Clowns – Karlsruhe

clowns
Fotocredit:
Offizieller Flyer

“Ich sehe mich selbst in fünf oder zehn Jahren dort wo ich jetzt bin: Mit einem Glas Rotwein in der Hand und am Kokain schnupfen.”
“Darf ich das schreiben?”
“Klar meine Eltern können eh kein deutsch!”

Als ich am Sonntag, den 14. Juli 2019 die Karlsruher Hackerei betrete, bin ich eigentlich noch gar nicht bereit für dieses Interview. Gebeutelt vom Wochenende, müde und voll mit Pizza, begebe ich mich an die Bar des kleinen Raucherlokals und trinke erst mal eine Kola. Das Interview sollte bereits seit zehn Minuten starten doch die australischen Punkrocker stehen noch auf der kleinen improvisierten Bühne und scheinen einen fröhlichen Soundcheck durch zu führen. Ich erkenne gleich Stevie und Hanna von den Konzertbildern die ich mir im vorne rein angeschaut habe. Da nach weiteren zehn Minuten niemand mit mir reden will ergreife ich die Initiative und springe den Jungs und Mädels in den Backstagebereich hinterher in dem fünf Käsesorten für die vegetarische Band aufgetischt sind. Ich werde herzlich empfangen und werde gefragt wie viele Bandmitglieder ich denn gerne haben möchte. Ich sage “As much as i can get!”

Zehn Minuten später sitze ich mit Karlsruher Höpfner, Hamburger Fritz Kola und den Melbournern Stevie, Jack und Hanna draußen und wir beginnen formlos unser Interview:

Tami/Festivalstalker: “Wie gefällt es euch in Deutschland?”

Jack: “Oh Deutschland ist eins meiner Lieblingsländer um zu spielen. Die Leute hier interessieren sich wirklich für die Musik und kommen zu jedem Konzert egal an welchem Tag der Woche. Sie interessieren sich wirklich für die Musiker. Außerdem sind sie sehr freundlich und wir lieben das Essen, wir lieben das Bier – ganz ehrlich wir lieben Deutschland sehr.”
Stevie: “Es ist definitiv das beste Land um als Punkband eine Tour zu spielen. Vor allem um eine Tour zu starten. Hier ist es egal ob man groß ist, sie versuchen sich wirklich um dich als Band zu kümmern.”
Hanna: “Ich glaube Musiker werden in Deutschland wirklich respektiert. Es wird respektiert was wir tun. Die Arbeit die wir machen wird wirklich bewundert. In Australien ist es bekannt das es etwas Besonderes ist in Deutschland zu touren weil man hier so gut behandelt wird. Wenn du jeden Tag reist und wirklich müde bist, ist man wirklich froh über diese Gastfreundschaft.”
Stevie: “Ein kleines bisschen Käse macht den Unterschied!”
Jack: “Wir haben irgendwie fünf verschiedene Käsesorten backstage hingestellt bekommen. Ich kannte bis heute keine fünf verschiedenen Käsesorten.”
Stevie: “Ja aber wir mögen es!”

Tami/Festivalstalker: “Wie erlebt ihr das Publikum und die Fans hier in Deutschland und in Europa?”

Jack: “Wie wir schon sagten. Die Personen hier sind sehr respektvoll und lieben Heavy Music. In manchen Orten Europas sogar mehr als in Australien und mehr als überall wo wir bis jetzt waren. Hier gibt es viele Punkfestivals. Es wirkt als würden die Fans es bewundern, das man so lang für sie reisen würde. Es ist geil.”
Hanna: “Es ist großartig aber es ist eine ganz andere Erfahrung für Frauen. Ich bin die einzige Frau in der Band und habe das Gefühl das die Punkszene in den meisten Ländern eher maskulin ist. Was mir in Deutschland häufiger passiert ist – okay vielleicht ist es auch eine Sprachbarriere – aber ich werde häufig angesprochen mit “Oh du bist das Mädchen in der Band, wie kannst du in der Band spielen!?” Das ist nicht immer so toll. Melbourne ist sehr entwickelt und ich denke das hat es Europa voraus. Europäische Festivals bräuchten mehr Frauen im Line up, denn ich bin meistens die einzige Frau und das ist sehr komisch für mich. Ich hoffe das wird sich ändern.”
Jack: “In Australien hast du bei jeder Show, in jeder Band Frauen. Es ist komisch, es ist anders.”
Stevie: “Wenn wir die Band starteten, das war vor neun Jahren, bestand die Originalbesetzung nur aus jungen Teenager-Jungs. Wir haben uns weiter entwickelt und nun diese Besetzung. Ich denke es ist wichtig das Frauen sich wohl und miteinbezogen in einer Band fühlen. Ich finde auch, dass die Shows um einiges mehr Spaß machen wenn es sowohl Jungs, Mädels, als auch mehr diverse Menschen im Publikum gibt. Gender Identitäten, Sexualitäten, Ethnien – das alles zusammen gemixt das ist um einiges besser als wenn es nur eine Masse aus Schwänzen in ihrem Kampf um Testosteron, dem Vergleich ihrer Schwanzgrößen.”
Hanna: “So ist es oft, aber ich denke es muss nicht so sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wen wir spielen und Frauen stehen direkt vor mir in der ersten Reihe ist das wirklich cool und ich fühle mich viel wohler. Ich habe das lange einfach tot geschwiegen aber es ist gut jetzt darüber zu reden.”
Stevie: “Ich denke es ist auch nicht irgendjemands Fehler sondern es hat etwas mit der Kultur zu tun. Ich finde es gut das Menschen nun anfangen sich damit zu beschäftigen und andere zu überzeugen. Ich sage das als Typ, aber als Typ der wie jede Frau oder jede kleine Person ebenfalls bei einem “Knocked Loose”-Mosh den Arsch voll kriegt: Seit diese Bewegung begann und Leute sich mehr und mehr dafür einsetzen machen die Shows auch um einiges mehr Spaß.”

Tami/Festivalstalker: “Warum denkt ihr, dass nicht so viele Frauen in Punkbands spielen?”

Jack: “Ich denke Punkrock war zu Beginn ein Jungsklub.”
Hanna: “Musik ganz allgemein, die ganze Zeit. Gerade in der Musikindustrie haben Männer von Beginn an die Macht und die Kontrolle besessen und die haben eben auch die Möglichkeiten Bands groß oder klein zu halten. Ich denke es gibt Frauen in Bands aber sie werden eben nicht wirklich unterstützt, beispielsweise in Line ups von Festivals gesteckt. Aber das ist eine einfache Antwort. Da steckt noch viel mehr dahinter.”
Stevie: “Ich denke der Hauptgrund ist das die Szene von Männern dominiert wird. Das liegt daran, dass Jungs wenn sie den Fernseher anschalten und sie Blink-182 sehen sie nach ahmen wollen.”
Hanna: “Ja und der Song geht über das Mädchen und zwar nicht über das Mädchen das auf der Bühne sondern über und für die Mädchen im Publikum. Die Jungs sagen dann sie wollen eine Band gründen um Mädchen zu kriegen.”
Jack: “Es ist also wichtig die Line-ups der Festivals zu ändern – jeh mehr Frauen mit dabei sind desto eher wird sich das alles verändern. Junge Musiker lassen sich von anderen Musikern inspirieren und dafür braucht es mehr weibliche Vorbilder. Das macht auch die ganze Show sicherere und alle haben mehr Spaß.”
Stevie: “Ich finde auch es macht die Kunst besser. Immer wieder diese weißen Punkbands die über ihre Exfreundin singen. Es braucht mehr Songs von Bands die eine Perspektive haben, die man selbst nicht kennt. Das macht es viel interessanter zu zu hören. Es öffnet mehr den Geist und beweist das Punkrock sich mit allem beschäftigen kann.”

Tami Festivalstalker: “Wie sieht euer Tagesablauf auf Tour aus? Schafen und Spielen? Und manchmal etwas trinken?”

Jack: “Ja so sieht das aus.” *lacht*
Hanna: “Jack isst jeden Morgen Toast mit Tomaten und Käse, ich weiß nicht wieso aber das ist sein Ding!”
Stevie: “Ich denke das hängt davon ab wie hart wir die Nacht davor gefeiert haben und wie viele Zeit wir dann am nächsten Tag zum schlafen haben.”
Jack: “Wenn wir Zeit haben machen wir auch mal Sightseeing. Wir haben in Deutschland so viel Sightseeing gemacht. Europa hat eine viel schönere Architektur als Australien.”
Stevie: “Ich liebe es im Tourvan zu lesen, wenn du als Punkband auf einer Punktour bist und jeden Abend Punkrock spielst dann brauchst du machmal alles andere als – Punk. Wir lieben es wirklich Pop, Funk und Soul zu hören.”
Jack: “Ja wir versuchen so wenig Punk wie möglich zu hören.”

Tami/Festivalstalker: “Was hat euch bei den Arbeiten zu Nature/Nurture inspiriert? Worum geht das Album?”

Stevie: “Wir wurden ähnliches vom Visionmagazin gefragt. Nurture hat anscheinend keine ordentliche deutsche Übersetzung. Ich finde es toll, dass wir das gemacht haben, da die Menschen in Deutschland jetzt denken wir wären super krasse Philosophen. *alle lachen*
Ich denke Nurture bedeutet im Endeffekt, der Weg und die Einflüsse die einen Menschen zu dem machen, wer er ist. Physisch so wie mental. Ihr Verhalten. Die Natur eines Menschen ist wie er geboren wird, die Erfahrungen die er im Leben sammelt sind das Nurturing. Besipelsweise ist eine passende Frage dazu, was dazu führt, das eine Person ein Verbrechen begeht. Es wäre also von unserer Interpretation aus falsch zu sagen, dass eine Person ein Verbrechen begangen hat wegen ihrer Natur. Welche Ethnie oder Geschlecht beispielsweise umfasst. Der Grund warum jemand ein Verbrechen begeht ist immer in Verbindung mit ihrer Nurture (t/fs: zu deutsch sowas wie Nährboden).”
Hanna: “Die Art wie du erzogen wirst, welche Probleme du hast, ob du ein Psychopath bist und zum Serienkiller wirst. Verstehen warum Menschen so ein gutes Leben haben und trotzdem so werden.”
Stevie: “Ich würde immer sagen, dass es an der Nurture einer Person liegt ob sie eine gute oder schlechte Person ist. Aber manchmal schaust du wirklich tief in die Abgründe und findest einfach keinen Grund warum. Also war es vielleicht doch in deren Natur… Als wir also dieses Album machten versuchten wir diese Elemente zu erforschen. Wir haben eine Seite Nature und eine Seite Nurture auf der Platte, mit jeweils fünf bzw. sechs Songs für eine Seite. Jeder Song auf der seite Nature, erforscht den Hintergrund von Personen, die so geboren werden und sich niemals ändern können und auf der anderen Seite versuchen wir uns mit der Idee auseinander zu setzen, das ein Mensch sich ändern kann, da er nur auf seinem Weg so beeinflusst (Nurture) wurde.”
Jack: ” Man kann darüber sehr viel lesen.”
Hanna: “Ja und es gab sehr viele Tests, beispielsweise an Kindern.”
Jack: “Ich denke schon das viel mit der Natur zusammen hängt, da man diese Dinge nicht ändern kann. Aber dann gibt es doch viele andere Dinge, die zum Beipsiel Serienkiller beeiflussen.”
Tami/Festivalstalker: “Oh ihr mögt Serienkiller sehr gerne”
Jack: “Ja ja wir schauen viel True Crime.” *alle lachen*
Stevie: “Wir mögen sie nicht, aber wir mögen es sie zu studieren.”
Jack: “Nein ich liebe Serienkiller wirklich” *alle lachen*
Tami/Festivalstalker: “Das interessante an den Personen ist was in ihrem Verstand abgeht… oder?”
Stevie: “Ja und das interessanteste ist, das man es es immer zurück auf ihre Kindheit führen kann. Man kann immer auf einen Moment schließen, in dem sie etwas falsch erlebt haben. Aber manchmal geht das eben doch nicht … manchmal sind sie einfach so geboren.”
Hanna: “Depression kann auch genetisch veranlagt sein. Und jeder Song auf der Platte berührt dieses Thema auf seine eigene Art.”

Tami/Festivalstalker: “Was ist euer Lieblingssong auf der Platte?”

Hanna: “Sie bedeuten mir alle etwas. Ich liebe alle.”
Jack: “Bei mir variiert es. Ich denke Bland is the new Black, der erste Song der Platte.  Wir haben das Album schon live gespielt, ich will hier jetzt niemand spoilern aber das ist der erste Song den wir spielen. Und er ist sehr kraftvoll und das finde ich sehr gut.”
Stevie: “Ich denke mein Lieblingssong ist Pray for us, denn es geht darum Kokain zu nehmen und ich liebe es Kokain zu nehmen. *lacht* Ich hoffe je mehr Personen das hören, desto mehr kommen zu unseren Shows.”

Tami/Festivalstalker: “Habt ihr musikalische Vorbilder?”

Jack: “Achja wir haben viele, nach so vielen Jahren Musik finden wir auch immer wieder neue Einflüsse.”
Stevie: “Eine Band die sehr instrumental ist, ist die Band Friends or Wrong aus Australien. Die sind meiner Meinung nach die beste australische Punkband der 90er und der frühen 2000er. Sie nahmen uns mit auf Tour als wir noch eine jüngere Band waren – 20 Konzerte, das war wirklich ein sehr instrumentaler Part unserer Karriere. Das zeigte uns das wir weiter machen müssen mit dem was wir tun, in der Hoffnung das gute Dinge beginnen zu passieren und sie passierten – hier sind wir in Karlsruhe.”

Tami/Festivalstalker: “So letzte Frage. Wo seht ihr euch in 10 Jahren?”

Jack: “Headliner auf Wacken.” *alle lachen*
Hanna: “Mit zehn Katzen und einem Schwein. Und zehn Hunde. Auf einer Farm in mitten von gar nichts.”
Stevie: “Ich weis nicht wo ich in fünf Minuten bin.” *alle lachen*
Tami/Festivalstalker: “Vielleicht am Käsetisch mit Kokain?”
Stevie: “Ohja! Und einem Glas Rotwein. Das ist mein spirituelles zu Hause. Ich hoffe, dass ich da in 5 Minuten bin und dort die nächsten zehn Jahre bleibe.”

Nach dem tollen Interview, erlebte ich noch eine atemberaubende, energiegeladene Liveshow. So ruhig, lustig und herzlich wie die drei im Interview gewirkt hatten, so völlig anders donnertern sie nun auf der Bühne dem Publikum ein. Bereits nach den ersten Tönen gab es kein Halten mehr: Fans so wie Stevie selbst sprangen von der Bühne in die Massen und ließen den kleinen Raum erbeben. Völlig ausgepowert bedankten sich die Melbourner beim Publikum und versprachen ein baldiges Wiedersehen. Diese Band ist wirklich für jeden Punk und Hardcore-Liebhaber ein absolutes Muss! Danke für den schönen Abend liebe Clowns!

 

 


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