Review: TWIN NOIR – „Chapter 3“

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Album Cover
8.6
konsequent zwischen Post-Punk, Wave und EBM

Mit Chapter 3 ziehen Twin Noir die Lichter noch weiter herunter – und drehen den Bass dafür umso lauter auf. Das Berliner Projekt legt am 27.02.2026 ein Album vor, das sich konsequent zwischen Post-Punk, Wave und EBM bewegt, ohne in bloße Retro-Gesten zu verfallen. Statt Zitaten gibt es Haltung, statt Nostalgie einen Sound, der klar im Jetzt verankert ist.

Von Beginn an ist Chapter 3 körperlich spürbar. „Luft für dich“ eröffnet die Platte mit düsterer Spannung, kalten Synth-Flächen und einer Stimme, die zugleich distanziert und dringlich wirkt. Twin Noir verstehen es, analoge Rauheit mit clubtauglicher Präzision zu verbinden: treibende Sequencer, stoischer Bass und mechanische Drums erzeugen einen Sog, der sich durch das gesamte Album zieht.

Tracks wie „Stimmen“ und „Fliegen“ spielen mit innerer Unruhe und urbaner Entfremdung – Themen, die sich wie ein roter Faden durch Chapter 3 ziehen. Die Texte bleiben dabei bewusst fragmentarisch, fast skizzenhaft, und lassen viel Raum für Projektion. Gerade diese Offenheit verstärkt ihre Wirkung auf der Tanzfläche wie im Kopfhörer.

Mit dem kurzen, beinahe aggressiven „Brille schwer“ verdichten Twin Noir ihre Ästhetik auf zweieinhalb Minuten pure Spannung, während „Ausfahrt“ mehr Raum lässt und eine fast filmische Dynamik entwickelt. Ein besonderes Highlight ist „Niemals nie“, unterstützt von Mark Reeder, dessen Präsenz dem Track eine zusätzliche historische Tiefe verleiht – eine subtile Verbindung zwischen Berliner Underground-Vergangenheit und Gegenwart.

In der zweiten Albumhälfte wird Chapter 3 zunehmend dunkler und emotionaler. „Abriss & Desire“ und „Hinterste Ecke“ wirken wie Momentaufnahmen aus verrauchten Clubs kurz vor dem Morgengrauen: hypnotisch, minimalistisch und doch voller innerer Bewegung. „Dark Love“ bringt eine fast bittersüße Melancholie ins Spiel, bevor „Eule“ das Album mit einer schwebenden, leicht unheimlichen Atmosphäre beschließt.

Als Trio – auch wenn sie nach außen als Duo auftreten – gelingt es Twin Noir, einen bemerkenswert geschlossenen Sound zu entwickeln. Cody Barcelona und Ian Volt stehen im Zentrum, während Lina Avair dem Projekt strukturellen Halt und kreative Tiefe verleiht. Diese Balance aus künstlerischer Kontrolle und emotionaler Offenheit macht Chapter 3 so überzeugend.

Chapter 3 ist kein leicht konsumierbares Album, sondern eines, das fordert – körperlich, emotional und ästhetisch. Dunkel, treibend und kompromisslos tanzbar beweisen Twin Noir, dass moderner Wave und EBM nicht in der Vergangenheit feststecken müssen. Ein starkes, konsequentes Statement aus Berlin, gemacht für den Club – und für die Momente danach, wenn der Bass noch im Körper nachhallt.

Unser Fazit


Sound
8
Inhalt
9
Kreativität
8.5
Artwork
8.7
Wiederhörwert
9