Am Freitag, den 27. April 2026, erscheint das neue Album von Paula Carolina namens „wild“. Und wild ist eine perfekte Beschreibung für Paula Carolina, ihren Style, ihre Musik und das ganze Drumherum. Sie selbst nennt es in ihrem Pressetext „Bravo-Punk“. Dieser Begriff wurde schon lang nicht mehr gehört und entstand damals im Kontext mit die Ärzte. Als waschechter Ärzte-Fan kann ich sagen, dass sie diesem Begriff auf jeden Fall gerecht wird. Nachdem ihr bisheriger Aufstieg schien, als würde Paula Carolina alles leicht von der Hand gehen, hat sie mit ihrem zweiten Album „wild“ wohl etwas gehadert und es sogar zwei Monate vor Release noch einmal komplett über den Haufen geworfen. „wild“ ist in seinem Charakter kaum zu verstehen, ohne den darauffolgenden zweiten Anlauf – den Entschluss, die in Paulas Augen zu glatt geratene Erstversion der LP zu beerdigen, sich mit Band in einem Raum zu versammeln und mit ihr zusammen von vorn in den Aufnahmeprozess zu starten. Wer „wild“ heute hört, kann den ekstatisch-naiven, Jam-artigen Vibe spüren, der besagten Raum erfasst hat – gerade in Momenten, in denen Gitarren absichtlich schief und ungeschliffen klingen, typische Pop-Dramaturgien gesprengt werden und sich experimentelle Bridges Bahnen brechen.
Das Album beginnt mit einem sehr unerwarteten Track, denn „Hallo Leute“ ist ein klassisches Intro und mit klassisch meine ich nicht nur, dass es die Form eines Intros wie zu früherer Zeit hat, sondern auch, dass es musikalisch sehr an Klassik erinnert, mit mehrstimmigem „ahahah“ und einem Orchester im Background. Bis dann die einzige Textzeile „Hallo Leute“ herein bricht. Das Intro leitet auch perfekt den nächsten Song „Darf sie das?“ ein, denn auch dieser ist zuerst nur mit Gesang und klassischem Klavier gehalten. Dieses Klavier switcht dann zu einem Synthie wie aus den 80ern. Doch der Inhalt ist wesentlich aktueller und brisanter. Paula Carolina sagt es selbst im Song: „Meine Mutter sagte einst schreib ein fröhliches Lied – Deshalb nehm ich euch mit in meine Utopie“. Sie spricht Themen wie überhöhte Mieten und Klimaschutz an und so wie sie es in ein musikalisches Gewand packt möchte ich sehr gerne in dieser Utopie mit ihr Leben.
Auch „Gib mir dein Geld“ wurde bereits mit Musikvideo veröffentlicht, dieses ist in einem Retro-Homeshopping-Style gehalten und Paula Carolina bietet den „armen Reichen“ an, dass sie ihr etwas Geld geben könnten, wodurch viele Sorgen gelöst wären. Dazu gibt es einmalige Reime wie sie auch aus dem Hause Farin Urlaub hätten kommen können, zum Beispiel „Yeah“ auf „Moncler“. Das Paula Carolina einen Bezug zur klassischen Musik hat wird dann mit „Kapitalismuss“ noch einmal deutlicher, denn dieser ist eine waschechte Reprise auf „Gib mir dein Geld“.
Bei „Der Kopierer“ wird dann auf amüsante Weise Kritik an künstlicher Intelligenz geübt und der Tatsache, dass es mittlerweile gerade in der Musik und Kunst zur Gewohnheit geworden ist, einfach nur zu kopieren oder neu zu interpretieren. Um dies zu unterstreichen verwendet Paula Carolina so einige Stilmittel und Zeilen, die sehr nach an bereits bekannten Songs sind.
Auch die Songs „Sex und Liebe“ und „Das Nachspiel“ kann man als Hauptwerk und eine Art Reprise oder sehen. Dies ist der erste Song auf „wild“, welcher keine Kritik an etwas äußert. Es ist schon etwas herzerwärmend wie geschickt Paula Carolina mit den Worten spielt und immer wieder erwartet man, dass sie singt „richtig hart gefickt“, doch diese Worte kommen nicht über ihre Lippen. Das Video hätte so wie es ist auch locker Anfang der 2000er veröffentlicht werden können mit all den Zeitraffern und dem dauerhaft verbundenen Ballon.
„Ein Lied in dem nichts geschieht“ kommt direkt vom Jahrmarkt als ein echter, fast antiker Gassenhauer und auch wenn es im Text heißt, dass es keine Kritik gäbe, so ist der Song selbst doch reinste Kritik an der Inhaltsleere anderer Musik und an KI.
Das darauf folgende „Summa cum laude“ bricht dann wieder vollkommen den Stil und damit wird auch noch einmal die Aufmerksamkeit, die vielleicht etwas nachgelassen hat nach 8 Liedern, aufgeweckt. Da bisher ja die Reprise und Coda als Stilmittel schon optimal eingesetzt wurden, ist „Summa cum laude“ ein astreines Präludium auf „Immatrikulationsbescheinigung“. Dieser Song ist der wohl Lustigste auf dem gesamten Album, wie ich finde. Es beginnt mit der etwas angepassten Aussprache des Wortes „Immatrikulationsbescheinigung“ und geht dann weiter mit möglichen Gedanken die so manch ein Langzeit-Student wohl haben mag.
Humorvoll geht es dann weiter mit „So ein Brett“, dessen Melodik so auch gut aus der Feder von das Lumpenpack und Konsorten hätte kommen können. Inhaltlich nimmt Paula Carolina den durchschnittlichen Baumarkt-Kunden auf die Schippe, während sie wirklich alles was geht aufeinander reimt. Passend dazu endet der Song mit der Zeile „Ziemlich gut für eine Frau“. Als hätte das nicht schon fast jede mal gehört…
Den darauf folgenden Song „Wo ist der Bus?“ möchte ich an dieser Stelle für sich selbst sprechen lassen, auch weil das dazugehörige Video einfach wieder Bock macht auf die anstehende Festival-Saison.
So langsam kommen wir dem Ende von „wild“ auch näher. Ich persönlich habe mich ein bisschen in den Song „Die Zecke“ verliebt. Wie schön wäre es doch, wenn „linke Zecken“ einfach den Nazi von nebenan beißen könnten und dieser dann selbst politisch links eingestellt wird (und auch noch nach Heilung davon beim Doktor sucht).
„Hasipupsi“ ist dann eine Art gedrängtes Liebeslied, denn schließlich wollte es jemand scheinbar unbedingt geschrieben bekommen, so sehr das Paula Carolina (laut Text) dabei schon Kotzen musste. Beginnen tut dieses vorerst mit einer Aufzählung diverser Kosenamen, bei der man auch gut mal abschreiben könnte, wenn einem selbst die Kreativität ausgeht.
Der wohl persönlichste Song den Paula Carolina bisher geschrieben hat ist „Ich war hier“. Er hat wesentlich weniger Ecken und Kanten als die anderen Songs von „wild“. Hinzu kommt noch, dass es nur bei diesem Song ein Feature gibt, und zwar vom Berliner Kneipenchor. Inhaltlich dreht es sich um die Frage, ob es überhaupt jemanden interessiert, dass man auf der Welt war oder ist. Hat man etwas bewegt und hinterlassen? „Ich war hier“ ist ein wundervoller Abschluss von „wild“, der nur noch mit „Und Tschüss“ sein Sahnehäubchen bekommt. Dieses fungiert auch erneut als eine Art von Coda oder Reprise. Somit endet das Album auch mit dem vielsagenden „naja“ als Schlusswort.
„wild“ lebt von der mitreißenden Euphorie, der Improvisation, der Detailverliebtheit, dem schrankenlosen Spaß haben jener Tage – vom Witz, der sich ins Studio übertrug und deshalb unisono in den Kompositionen und Texten dieses Albums steckt. Der arglos-bissige, verschmitzt-intelligente, zwischen messerscharfem Galgenhumor, keckem Dadaismus und niedlichen Dad Jokes pendelnde Ulk, der Paula-Carolina-Musik so einzigartig macht, ist auf „wild“ präsenter denn je. Hinter so gut wie jedem Gag verbirgt sich ein zeitgeistlicher Gegenstand, ein Stück moderne Welt, ein zweiter Boden, ein Twist: Paula Carolina fühlt sich am wohlsten, wo Ironie ins Ernsthafte, Ernsthaftes ins Ironische, Privates ins Politische und Politisches ins Private abkippt.
Zusammenfassend kann man sagen das „wild“ von allem etwas hat, es ist wie anfangs erwähnt irgendwie „Bravo-Punk“ a la die Ärzte, aber es gibt auch Momente der Klassik, welche in Paula Carolinas Stammbaum eine nicht unwesentliche Rolle spielt. In manchen Momenten hört man auch ihre Vorbilder Großstadtgeflüster und Annette Humpe heraus. Das Album lässt sich einfach nicht in eine Sparte stecken und das ist auch gut so, denn genau dieser Abwechslungsreichtum macht Paula Carolina so besonders und toll.





