Manchmal muss ich eine Veröffentlichung öfter hören, um herauszufinden, warum sie bei mir funktioniert. Und manchmal muss ich dafür sogar einen Schritt zurückgehen und mir anhören, was eine Band vorher gemacht hat. Bei Psychosomatic, der am 9. Oktober 2026 in Eigenregie erscheinenden EP der schwedischen Leach, war genau das der Fall. Denn mein erster Eindruck war ausgesprochen positiv, mein zweiter deutlich kritischer. Und erst der Blick auf die bisherigen Veröffentlichungen hat mir geholfen zu verstehen, warum.
Zunächst einmal klingt Psychosomatic verdammt fett. Die Gitarrenriffs treiben die Songs voran, das Schlagzeug strukturiert sie, und die Kombination aus Melodic Death Metal, Thrash und Hardcore funktioniert hervorragend. Gerade die Verbindung aus schwedischer Melodik und der körperlichen Direktheit des Hardcore hat mich sofort abgeholt. Das ist druckvoll, präzise gespielt und ausgesprochen professionell produziert.
Allerdings stellte sich bei mir nach einigen Durchläufen ein Gefühl ein, das ich zunächst nicht richtig einordnen konnte. So gut die einzelnen Bestandteile auch funktionieren, hatte ich zunehmend den Eindruck, genau diese Art von Metal schon tausendmal gehört zu haben. Was anfangs nach einem beeindruckend geschlossenen Sound klang, wirkte auf mich plötzlich beinahe wie Fließbandarbeit. Nicht, weil ich der Band irgendwelche handwerklichen Schwächen vorwerfen könnte, sondern weil mir bei aller Professionalität etwas fehlte, das mich aus der Masse vergleichbarer Veröffentlichungen herausreißt.
Das war für mich auch deshalb ein unangenehmes Urteil, weil ich Sänger und Gitarrist Markus im Vorfeld gleich zweimal ausführlich sprechen durfte. Zunächst für eine Bandvorstellung bei Tod und Teufel, anschließend in einem deutlich persönlicheren Gespräch für mein eigenes Format Make Metal Wild Again. Dabei habe ich einen sympathischen, reflektierten Musiker kennengelernt, mit dem ich mich nicht nur über Metal, sondern auch über ziemlich grundsätzliche Fragen des Lebens unterhalten konnte.
Nur ist persönliche Sympathie eben kein musikalisches Argument. Und weil ich verstehen wollte, warum mich die neue EP trotz ihrer offensichtlichen Qualitäten nicht vollständig überzeugte, habe ich noch einmal in die älteren Veröffentlichungen von Leach hineingehört.
Dabei wurde einiges klarer.
Das Debüt Hymns for the Hollow von 2018 ist noch deutlich stärker vom Hardcore-Punk geprägt. Die Musik besitzt eine rohe, beinahe archaische Aggressivität, die nicht unbedingt besonders elegant sein muss, um ihre Wirkung zu entfalten. Auf dem Album New Model Of Disbelief von 2024 ist die Band hörbar weiter. Die Songs besitzen ein wesentlich ausgeprägteres Gespür für Melodien und teilweise geradezu hymnenhafte Refrains, ohne dass diese ursprüngliche Wut dabei verloren geht. Im Gegenteil: Für mich verstärken sich beide Seiten gegenseitig.
Und dann kommt Psychosomatic.
Auf den ersten Eindruck ist das erneut ein gewaltiger Schritt nach vorne. Zumindest produktionstechnisch. Die EP klingt größer, druckvoller und geschlossener als das ältere Material. Gleichzeitig empfinde ich sie musikalisch als etwas zahmer. Nicht weichgespült im Sinne von radiotauglich oder gar auf einen allgemeinen Mainstream ausgerichtet. Dafür ist die Musik immer noch viel zu aggressiv. Aber innerhalb des Metal wirkt sie auf mich stärker auf einen etablierten, modernen Sound hin poliert.
Und ich glaube, genau daher kam mein ursprünglicher Eindruck der Fließbandarbeit.
Nicht, weil Leach keine eigene Geschichte oder musikalische Entwicklung hätten. Sondern weil ich auf Psychosomatic ausgerechnet etwas von jener rabiaten Unmittelbarkeit vermisse, die mich beim Hören der älteren Veröffentlichungen besonders angesprochen hat. Die Band hat an Professionalität gewonnen, aber für meinen Geschmack dabei auch einen Teil ihrer ursprünglichen Schärfe eingebüßt.
Interessant wird das Ganze durch das lyrische Konzept.
Psychosomatic besteht aus vier Songs, die sich mit unterschiedlichen Phasen psychischer Belastung und dem Umgang damit beschäftigen. Im Gespräch hat Markus mir erklärt, dass die Band das Konzept gemeinsam entwickelt hat und dabei auch persönliche Erfahrungen der Mitglieder eingeflossen sind. Es geht nicht darum, eine einfache Lösung für Depressionen oder andere psychische Krisen anzubieten, sondern darum, unterschiedliche Zustände und Perspektiven abzubilden.
Der lange Opener One Beat from Calm, One Crack from Wide beschreibt dabei den Moment, in dem vermeintliche Stabilität plötzlich ins Wanken gerät. Strength to Strength beschäftigt sich mit dem Versuch, sich aus einer solchen Situation wieder herauszuarbeiten, ohne dass dieser Weg zwangsläufig geradlinig verläuft. Im Folgenden wird diese Auseinandersetzung weiter geführt, bis Serpent of Time schließlich bei einem Gedanken ankommt, den ich besonders interessant finde: Zeit kann in einer psychischen Krise sowohl als Belastung als auch als Teil der Lösung empfunden werden.
Gerade diese letzte Idee gefällt mir. Denn sie verspricht keine endgültige Heilung und auch keinen triumphalen Sieg über die eigenen Probleme. Das Leben geht weiter, möglicherweise kommt die nächste Krise, und nicht jede Entwicklung verläuft ausschließlich nach vorne.
Markus hat in unserem persönlichen Gespräch außerdem von eigenen schwierigen Erfahrungen erzählt. Das verleiht dem Konzept für mich zusätzliches Gewicht, ohne dass ich deshalb jedes Wort automatisch für besonders gelungen halten müsste. Ich respektiere vor allem, dass Leach ein solches Thema nicht bloß als düstere Kulisse verwenden, sondern sich tatsächlich damit beschäftigen.
Und damit entsteht für mich ein bemerkenswerter Widerspruch: Ausgerechnet auf einer Veröffentlichung, die inhaltlich besonders persönlich ist, wirkt die Musik auf mich stellenweise weniger individuell als zuvor.
Vielleicht liegt das sogar teilweise an meinen eigenen Erwartungen. Bei den Songs von 2024 hatte ich das Gefühl, eine wesentlich größere Wut auf die Verhältnisse herauszuhören. Psychosomatic beschäftigt sich dagegen stärker mit inneren Zuständen, Verletzlichkeit und dem Umgang mit persönlichen Krisen. Natürlich muss das nicht zwangsläufig in noch aggressiverer Musik münden. Möglicherweise passt die etwas kontrolliertere Herangehensweise sogar hervorragend zu dem, was die Band ausdrücken möchte.
Nur ist die Frage, ob eine musikalische Entscheidung zum Konzept passt, nicht immer dieselbe wie die, ob sie mich als Hörer stärker erreicht.
Was ich Leach allerdings hoch anrechne, ist die Konzentration auf vier Songs. Markus hat mir erzählt, dass die Band durchaus über weiteres Material nachgedacht hatte, sich aber bewusst gegen eine künstliche Verlängerung entschieden hat. Die Stücke sollen unterschiedliche Funktionen erfüllen und gemeinsam eine Entwicklung ergeben. Auch musikalisch ist das erkennbar: Der ausgedehnte Opener nimmt sich Raum, während Strength to Strength deutlich direkter auf den Punkt kommt. Die EP möchte als zusammenhängendes Werk gehört werden, ohne dass jeder einzelne Song dafür seine Eigenständigkeit aufgeben muss.
Das finde ich gelungen. Gerade bei einem derart persönlichen Thema hätte man sich problemlos in immer weiteren Variationen derselben Gedanken verlieren können. Stattdessen beschränken sich Leach auf das, was sie erzählen wollen, und lassen das Konzept anschließend stehen.
Bleibt also die Frage, was ich von Psychosomatic halte.
Ich wünsche Leach aufrichtig, dass diese EP ihnen neue Türen öffnet. Der Sound besitzt zweifellos die Professionalität, um ein größeres Publikum innerhalb der Metalszene anzusprechen. Die Band beherrscht ihr Handwerk, schreibt funktionierende Songs und hat sich für die Texte mit einem Thema beschäftigt, das deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient als die üblichen Genrefloskeln.
Gleichzeitig hoffe ich, dass auf dem nächsten Longplayer wieder etwas mehr von jener archaischen Aggressivität zu hören sein wird, die mich beim älteren Material so begeistert hat. Denn wenn Leach es schaffen, diese rabiate Intensität wieder stärker in den Vordergrund zu rücken, dabei ihr Gespür für hymnenhafte Melodien zu behalten und beides mit dem Produktionsniveau von Psychosomatic zu verbinden, könnte daraus eine Veröffentlichung entstehen, mit der ich die Institutionen in revolutionärer Absicht stürmen möchte.
Vielleicht ist Psychosomatic damit am Ende genau das, was eine EP leisten sollte: kein endgültiges Statement, sondern ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum nächsten Meilenstein.





