Review: Kanonenfieber – Soldatenschicksale

Kanonenfieber1764594429784261
Fotocredit
Album Cover
10
nekromantischen schwarzen Doom

Mit Soldatenschicksale präsentieren KANONENFIEBER kein klassisches Studioalbum, sondern ein in sich geschlossenes Konzeptwerk, das eher einer musikalischen Gedenkstätte gleicht als einer herkömmlichen Veröffentlichung. Überarbeitete Stücke aus dem bisherigen Katalog werden neu eingeordnet, erzählerisch verdichtet und durch zwei neue Songs ergänzt, sodass ein dramaturgisch stringenter Zyklus entsteht. Das Resultat ist eines der reifsten, konsequentesten und eindringlichsten Werke der Band.

Inhaltlich bleibt sich KANONENFIEBER treu: Krieg wird nicht verherrlicht, sondern schonungslos analysiert. Soldatenschicksale rückt bewusst vom abstrakten „großen Ganzen“ ab und stellt stattdessen das Individuum in den Mittelpunkt. Es geht nicht um Frontverläufe, Siege oder nationale Narrative, sondern um Menschen – um Namenlose, um junge Männer, die verheizt wurden, um Leben, die in Sekunden ausgelöscht wurden. Genau diese Perspektive verleiht dem Album seine bedrückende emotionale Wucht.

Das Zentrum der Veröffentlichung bilden die beiden neuen Stücke, die unter dem thematischen Dach Skagerrak stehen. „Z-Vor!“ und „Heizer Tenner“ schildern den Untergang des Kleinen Kreuzers SMS Wiesbaden während der Skagerrakschlacht aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln. „Z-Vor!“ ist kurz, hektisch und nervenaufreibend – ein musikalischer Funkspruch unter Dauerbeschuss. Scharfkantige Riffs, marschartige Drums und eine klaustrophobische Atmosphäre vermitteln Orientierungslosigkeit und das Gefühl, Teil einer unkontrollierbaren Kriegsmaschinerie zu sein. „Heizer Tenner“ bildet dazu den düsteren Gegenpol: langsamer, schwerer und erstickend. Hitze, Maschinenlärm und Ausweglosigkeit dominieren, während die beinahe mechanische Instrumentierung das körperliche Leiden tief unter Deck spürbar macht. Zusammen entfalten beide Songs eine beklemmende Zweiperspektive auf denselben Todesmoment – nüchtern, brutal und unausweichlich.

Auch die überarbeiteten Stücke gewinnen im neuen Kontext deutlich an Tiefe. Die Neufassungen von „Ubootsperre“, „Kampf und Sturm“ und „Die Havarie“ wirken cineastischer und strukturierter als ihre Vorgänger. Besonders „Die Havarie“ entwickelt mit seiner längeren Laufzeit eine epische Tragik, ohne an Härte einzubüßen. „Der Füsilier I & II“ bilden den emotionalen Kern des Albums: Die Zweiteilung verstärkt den erzählerischen Charakter und zeichnet den Weg vom lebenden Soldaten zur anonymen Leiche mit erschütternder Konsequenz nach. Hier zeigt sich eine der größten Stärken von KANONENFIEBER – emotionale Nähe durch bewusste Distanz. „The Yankee Division March“ fügt sich trotz englischen Titels nahtlos ins Gesamtbild ein und bleibt ebenso unromantisch wie kompromisslos. Den Abschluss bildet „Die Fastnacht der Hölle“, ein bitteres Fazit, das Krieg als groteskes, menschenverschlingendes Ritual zeichnet und das Album mit maximaler Wucht beschließt.

Auch klanglich überzeugt Soldatenschicksale. Die Produktion ist klarer und ausgewogener als auf früheren Veröffentlichungen, ohne den rohen, aggressiven Charakter der Band zu glätten. Gitarren schneiden scharf, das Schlagzeug treibt unerbittlich voran, und Samples sowie gesprochene Passagen sind gezielt eingesetzt. Nichts wirkt beliebig oder überladen – alles steht im Dienst der Erzählung.

Fazit:
Soldatenschicksale ist kein Album für nebenbei. Es verlangt Aufmerksamkeit, Auseinandersetzung und emotionale Offenheit. KANONENFIEBER gelingt es eindrucksvoll, historische Kriegsdarstellung, Extreme Metal und erzählerische Tiefe zu einem geschlossenen, beklemmenden Gesamtkunstwerk zu vereinen. Ein Album, das erschüttert, nachhallt und lange im Gedächtnis bleibt.

Unser Fazit


Sound
10
Inhalt
10
Kreativität
10
Artwork
10
Wiederhörwert
10