Review: Open Flair Festival 2019 – Teil 1

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Wenn das Kleinkind auf den Rentner trifft, dann heißt es wieder: Open Flair-Festival! Das Eschweger Event hat sich schon immer von anderen Festivals abgehoben. Über 150 Künstler und Bands aller Stilrichtungen traten an den fünf Tagen auf, verteilt auf sieben Bühnen. 20.000 Fans waren dabei, die das Open Flair zum größten Eschweger Stadtteil machten. Die Verbundenheit mit der Stadt Eschwege zeichnet das mitten im Örtchen gelegene Festival aus. Neben dem ganz normalen Festivalpublikum gibt es täglich ein eigenes Programm für Kinder. Zudem erhalten Senioren freien Eintritt zum Festival, weshalb sich beim Open Flair wirklich Menschen jeden Alters begegnen. Von dem Angebot wird regen Gebrauch gemacht, weshalb zahlreiche Eschweger Rentner beäugen, was da mitten in ihrer Stadt vor sich geht. Und sie bekommen einiges zu sehen – und zu hören!

Deaf Havana sind am Freitag die zweite Band auf der Seebühne und legen die Messlatte gleich hoch an. Die ehemalige Post-Hardcore-Band ist inzwischen in poppigeren Gefilden heimisch geworden. Live scheinen aber noch die alten Wurzeln durch, weshalb alle Songs schneller und härter als im Studio ausfallen. Das verstärkt die Festivalatmosphäre und regt zum Mitspringen an. Songs wie „Cassiopeia“ und „Sinner“ werden von den Fans lauthals mitgesungen und sorgen für eine gelöste Stimmung am Seeufer.

Nothing But Thieves tun derweil auf der Hauptbühne alles dafür, ihren Bekanntheitsgrad weiter zu steigern. Spätestens mit ihrem letzten Song, dem eingängigen „Amsterdam“ dürfte ihnen das geglückt sein. Nach nicht ganz so vielen Zuhörern zu Beginn finden sich im Laufe des Auftritts immer mehr Menschen vor der Bühne ein. Die Briten überzeugen mit ihrem tanzbaren Rock’n’Roll mit Pop-Einschlag, wobei vor allem Sänger Conor Mason heraussticht. Generell ist der Sound auf dem Open Flair meist perfekt abgemischt, selten gibt es Probleme.

Madsen
haben später ein Wetterproblem: Pünktlich zu ihrem Konzertbeginn setzt Starkregen ein. Eine Erfahrung, die sie bereits bei den letzten Festivalauftritten der letzten Tage machen mussten. „Der Regen zieht uns einfach an, das ist nichts Neues“, sagt Sänger Sebastian Madsen. „Danke, dass ihr hier ausharrt!“ Trotz der Wassermassen kippt die Stimmung nicht, während Madsen mit „Nachtbaden“ der Menge einheizen. Die Band war für Good Charlotte eingesprungen, die ihre Auftritte in Deutschland leider absagen mussten. Passend dazu geben Madsen ein freches „Lifestyles of the Rich & Famous“ von Good Charlotte, das ihnen gut gelingt. Direkt neben der Hauptbühne werden Regenponchos verkauft, die reißenden Absatz finden. Dabei hat das Open Flair noch Glück gehabt: Zeitgleich muss auf dem Schwesternfestival, dem Taubertal, der Zeltplatz evakuiert werden. Zwei Konzerte fallen komplett aus. Ganz so schlimm meint es der Wettergott mit Eschwege zum Glück nicht.

Als erster Headliner stehen die Fantastischen Vier auf der Bühne, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bandjubiläum feiern. Bereits zum 6. Mal gastieren die Schwaben auf dem Open Flair, haben diesmal aber Pech mit dem Wetter. Da es weiterhin stürmt und der Regen tobt, sind die Menschenmassen vor der Hauptbühne inzwischen etwas weniger geworden. Dadurch gibt es für die Open Flair Besucher aber mehr Platz zum Tanzen – und die Fantastischen Vier geben ihnen mehr als genügend Gelegenheiten dazu. Von „Sie ist weg“ bis „Troy“ reisen die Fantas mit ihren Fans durch die Bandgeschichte – und vergessen dabei nicht, aktuelles Material vom Album „Captain Fantastic“ einzustreuen.

Der nächsten Tag beginnt mit den Spaßpunkern von Sondaschule, die schon um 14:15 Uhr vor einer enormen Menschenmenge spielen. Die Band ergreift die Gelegenheit und fordert das Flair immer wieder zum Mitsingen auf. Bei den eingängigen Texten kein Problem für Eschwege!


Dave Hause zeigt im Anschluss auf der Freibühne, wie sehr er sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Der Folk-Punk mit Rock ’n’ Roll-Einflüssen holt zahlreiche Festivalbesucher ab und die anfänglich noch kleine Zuhörerschaft wächst rasend schnell an. 13 Songs bringt der amerikanische Barde dar, darunter auch sein Hit „Time Will Tell“. Damit knackt er das Open Flair, das fortan an seinen Lippen hängt und begeistert mittanzt. Den größten Zuspruch erfährt der Song „Dirty Fucker“, der sich direkt gegen Donald Trump richtet. Dave Hause bittet die Fans darum, diesen Song besonders laut zu singen, „so that this piece of shit can hear you!“

Später läuft im E-Werk des Open Flairs das zweite Halbfinale des Poetry Slam-Wettbewerbs. Auch eine Besonderheit des Festivals ist es, neben Comedy auch Slams anzubieten. Bereits lange vor Einlass bildet sich eine Schlange vor dem E-Werk. Drinnen dürfen die Besucher nicht sitzenbleiben, sondern müssen aufstehen, um mehr Raum für Besucher zu lassen. Trotzdem müssen viele draußen stehen bleiben und versäumen so einiges. Mal berührend, mal schrecklich komisch, mal eine Erzählung aus dem Reich der Phantasie: Die Poetry Slammer zeigen, wie vielfältig Texte auf der Bühne sein können und sorgen damit für einen Kontrast zum sonstigen Musikprogramm.


Dann ist es Zeit für Enter Shikari, die bei bestem Sommerwetter in einheitlichen grauen Anzügen die Bühne betreten. Das Konzert beginnt mit dem Opener „The Appeal & the Mindsweep I” und es scheint, als hätten Enter Shikari ihren Slot bewusst anknüpfend an den Poetry Slam gewählt, um selbst ihre gesellschaftskritischen und politischen Botschaften vorzubringen.
„Dieser Song richtet sich an alle, die immer noch nicht an den Klimawandel glauben“, erklärt Rou Reynolds und liefert mit dem Songtext zu „Arguing with Thermometers“ eine starke Message hinterher: „As we witness the ice-caps melt, instead of being inspired into changing our ways, we’re gonna invest into military hardware to fight for the remaining oil that’s, left beneath the ice! But what happens when it’s all gone? You haven’t thought this through!”

Stand auf der aktuellen „Stop The Clocks“-Tour vor allem das neue Album „The Spark“ im Vordergrund, haben sich die Briten für ihre Konzertauftritte einiges einfallen lassen. So ist auf der Setlist mit „Live Outside“ nur ein Song des neuen, etwas ruhigeren Albums. Nicht einmal die in dieser Woche veröffentlichte neue Single „Stop The Clocks“ wird gespielt. Stattdessen legt die Band den Fokus auf den Partyfaktor. „Destabilise“, „Sssnakepit“ oder „Anaestethist“ sorgen für kreisende Moshpits und begeisterte Fans. Schon nach 10 Minuten werfen sich Sänger Rou Reynolds und Gitarrist Chris „Batty C“ Batten mitten in den Circle Pit. Selbst wer vorher noch nie von Enter Shikari gehört hat, fühlt sich in den Bann gezogen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause steht die wohl größte Bewährungsprobe des gesamten Festivals an. Bei der berühmten Quickfire-Round hetzen Enter Shikari in 8 Minuten in Medleys durch vier Songs. „Sorry you’re not a Winner“ geht direkt über in den Remix von „No SleepTonight“, ehe „The Last Garrison“ folgt und „…Meltdown“ ein letztes Mal eine Wall of Death heraufbeschwört. „Live Outside“ beendet ein starkes Konzert, dass einmal mehr beweist, dass Enter Shikari nach wie vor eine der besten Livebands des Genres sind. Und sie haben tatsächlich noch eine letzte Anti-Brexit Botschaft ans Open Flair: „We are Enter Shikari. We are from planet earth. We are from Europe.“

Als nächstes gibt sich Bosse auf der großen Stage die Ehre. Er beginnt sein Konzert mit „Du federst“ und von der ersten Sekunde an gewinnt er durch seine ehrlichen Ansagen Sympathien. Während Indiebarden wie Thees Uhlmann meist witzig und eloquent, aber doch etwas abgehoben, die Geschichten zu ihren Songs erzählen, zeigt sich Bosse extrem bodenständig. So schildert er, wie der Song „3 Millionen“ seine Jugend reflektiert. Mal ruhig und nachdenklich wie bei „Ich warte auf Dich“, träumerisch schwelgend bei „Alles ist jetzt“ und wild drauflos rockend bei „Augen zu, Musik an“ präsentiert sich Bosse auf dem Open Flair. Auf der Bühne klingt vieles schneller und heftiger als auf der CD und Axel Bosses typischer Tanzstil sorgt für ein tanzendes Festival. Zudem beherrscht er das Spiel mit den Publikumschören, etwa beim Überhit „Schönste Zeit“, bei dem Tausende mitsingen. Selbst die VIP-Tribüne macht mit. Nach „Frankfurt/Oder“ verabschiedet sich Bosse samt Band vom Open Flair. Manchmal braucht es eben keine pompösen Effekte, sondern allein die Musik – und einen bodenständigen Entertainer.

Im Anschluss gibt es eine Rückkehr der besonderen Art: Nach 14 Jahren treten die Toten Hosen zum zweiten Mal beim Open Flair auf. Von Alterserscheinungen ist bei Campino und Co. nichts zu spüren. Stattdessen liefern die Punk-Rocker vor allem eines: Hits, Hits und noch mehr Hits. Beim Blick auf die Setlist wird einem bewusst, wie viele starke Songs die Hosen im Laufe der letzten 37 Jahre geschrieben haben: „Bonnie & Clyde“, „Liebeslied“, „Laune der Natur“ und „Altes Fieber“ sind nur einige der Hausnummern, die die Hosen anbieten. Das gesamte Publikum wird mitgerissen und selbst die Kleinsten tanzen und springen mit.

„Wir machen heute etwas, das wir noch nie gemacht haben“ verspricht Düsseldorf-Fan Campino listig. „Wir widmen das nächste Lied dem FC Augsburg, der heute gegen einen Viertligisten aus dem DFB-Pokal geflogen ist.“ Fahnenschwenkend feiert Eschwege danach „Steh auf, wenn du am Boden bist.“ Für ihr Open-Air-Konzert haben die Hosen nicht alle Effekte mitgebracht, die sie normalerweise auf Tour dabei haben. „Wir mussten fast alle Pyro-Technik an Rammstein abgeben, die haben das für ihre Stadiontour gebraucht“, erklärt Campino. Trotzdem zünden inmitten der Zuschauer grellrot leuchtende Bengalos und verwandeln den Bereich in ein rauchendes Flammenmeer.

Dem agilen Campino sind seine 57 Lenzen kaum anzusehen. Wie wild springt und hüpft er von einer Seite der Bühne zur anderen. Seine Mitstreiter bleiben ebenfalls kaum still, sondern hüpfen ständig in Eintracht auf und ab. Dass er sich trotzdem Sorgen um die Zukunft macht, beichtet Campino vor der ersten Zugabe: „Der nächste Song dreht sich darum, dass man nie genau weiß, wie lange wir das alles noch machen können. Hasta la muerte!“ „Wie viele Jahre (Hasta la muerte)“ wird dann auch von den Fans lautstark abgefeiert und facht die Pogo-Kreise erneut an. „Eisgekühlter Bommerlunder“ sorgt für Gesangschöre im Publikum, ehe das Slade-Cover „So far away“ und „Auf Wiedersehen“ den Auftritt beenden.
Doch Halt, was war das? Die Hosen kommen zurück für eine zweite Zugabe, spielen unter anderem noch „An Tagen Wie Diesen“, lassen Konfettis regnen und ein glücklich schunkelndes Open Flair zurück.