Auf die Plätze, fertig – Southside!

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Wenn sich Alexander Marcus mit Parkway Drive vermischt, Bälle und Bierdosen ziellos durch die Luft fliegen, wenn sich Weihnachtsmänner, glitzernde Gesichter, Tierkostüme und undefinierbare Gestalten versammeln, dann geht es ums Southside-Festival bei Neuhaus ob Eck.

60.000 Besucher schwirrten in dem Gewerbepark, der das Festivalgelände bildet, umher. 50.000 Besucher waren bereits am Donnerstag vor Ort – aufgrund des Feiertages bot sich die frühe Anreise dieses Jahr an. Bemerkbar machte sich das vor allem auf den Campingplätzen. Zelte reihten sich an Pavillons, dazwischen hing der Geruch von Gegrilltem. Für später anreisende Besucher blieb kaum mehr Platz und so wurde sich in die hintersten Ecken gedrängt, nur, um noch irgendwie einen Schlafplatz zu ergattern.

Das Southside lockte dieses Jahr mit einem besonderen Angebot: Zum ersten Mal gab es Tagestickets und diese wurden gut genutzt – ganz ausverkauft war das Festival dennoch nicht.

Auch der Wettergott bot ein Angebot der Extraklasse: Sonne, Sonne, Sonne, am Samstag etwas Starkregen, aber auch der hielt nicht lange an. „Es war wettertechnisch ein versöhnlicher Abschluss“ , so Veranstaltungsleiter Benjamin Hetzer. Gegen den Matsch und den Schlamm wurden diverse Maßnahmen unternommen: mobiles Material ausgelegt, Stroh gestreut – viele jedoch fanden auch Gefallen daran, sich im Dreck zu suhlen und alles um sich herum zu vergessen.

„Wir kommen extra aus Duisburg, nur für diesen Teich hierhin. Wir fahren 600 Kilometer, stehen nachts um 2 Uhr auf, nur damit wir einmal ne Schlammschlacht machen können.“

Festivalbesucher und stolzer Besitzer eines kleinen Teiches

Der Teich lockte Wasserratten an – und jene, die es gerne werden möchten. Manch eine sprang rein, andere robbten durch oder schmissen sich, so wie sie waren, komplett hinein.

Ja, auf den Campingplätzen ging es zu oder eher drunter und drüber. Doch nicht nur dort.

Bereits am Donnerstag war Bühnenprogramm geboten: Moop Mama als „Headliner“ lockten 30.000 Besucher an, die zu Trommeln, Pauken, Trompeten und anderen großen Instrumenten das Tanzbein schwangen. Danach ging es auf die Landebahn – dem Festivalbrennpunkt mit Landebahnbühne, auf der abends die hauseigenen DJs auflegten. Die Landebahn ist der Ort, an dem man jene Hartgesonnenen trifft, die Tag und Nacht für Stimmung und Spaß sorgen.

 

Das Festivalgelände

Eine wahre Spieloase für Groß und Klein. Übrigens: Rund 20% der Festivalbesucher war im gehobenen Alter. Eine schöne Entwicklung, wie Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald lobte.

Von der Winston-Area zur Rockstar-Area, von Liegestühlen zu Sitzsäcken, zwischen drei großen Bühnen (Green-, Blue-, Redstage), einem Zelt (Whitestage) und einer kleinen Bühne der Firestonestage. Und über dem Geschehen thronte der Platzhirsch von Jägermeister, der hin und wieder sein tiefes Röhren ausstieß und die ein oder andere Band auf der Bühne aufschreckte. (Auch wenn der Hirsch das ein oder andere Mal versehentlich als Pferd bezeichnet wurde: „Siehschd des Pferd do?“, im schönsten Schwäbisch – blieb er stolz erhobenen Hauptes bis zum bitteren Ende stehen.) Nicht nur der Hirsch sorgte für Aufmerksamkeit: Ein Krümelmonster in Gesellschaft, diverser Kopfschmuck, verzierte Mitbringsel – die Festivalbesucher lieferten sich fast schon einen Wettstreit.

Voller Power startete der Freitag. Hauptlieferanten dieser Power waren wohl die Foo Fighters, einer der vier Headliner, die wahrscheinlich den größten Teil der 60.000 Personen großen Feierwut an die Green Stage lockten. Gut über zwei Stunden gaben sie altbekannte, aber auch neuere Songs zum Besten. Eines war jedoch ganz besonders an dem Set. Keine geringere als Violet Grohl, die dreizehnjährige Tochter des Frontmanns, begleitet mit drei anderen Backingsängern das Spektakel. Zwischen herzlichen Familienanekdoten von David Grohl – laut Violet ist ihr Vater wohl nicht der talentierteste Sänger in der Grohl Familie! – und typisch beschämten Reaktionen der Teenietochter, weiß nicht nur der Grohl Klan, sondern auch der Rest der Band, die Meute zu animieren. Mithilfe des Drummers von Wolfmother, Hamish Rosser (liebevoll Ham Sandwich genannt) performten sie Under Pressure. Generell zog sich die Liebe zu Queen wie ein roter Faden durch das Set. Die Foo Fighters zeigten, dass sie zurecht zu den besten Acts des Festivals gehören.

Dennoch hatten nicht nur die Foo Fighters die Green Stage fest in der Hand. Nach einem gewohnt kraftvollen Auftritt von Royal Republic verzauberte Christine and the Queens mitsamt wundervoll diverser Tanzcrew die Bühne und Zuschauer.
Wenn man sich fernab von der Green Stage begibt, ist auch einiges geboten. Newcomer Ten Tonnes tritt mit seinem Debutalbum in die Fußstapfen seines Bruders George Ezra.

 

Ein Faber-hafter Auftritt

“Hey was is’n hier wieder los?” (Es wird ganz groß – Faber) – Konnte man sich wirklich fragen, bei der Menschenmenge, die Faber und seine Band sehnlichst sehen wollten – und ein Meisterwerk auf der Bühne erleben durften. Stimmgewaltig trat er auf, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, wohl so froh, vor derart vielen Leuten spielen zu dürfen. Seine bekannten Songs wurden ohne Punkt und Komma von der Menge mitgesungen, er selbst auf der Bühne, die Hände erhoben, vor Emotionen zitternd. Vielleicht auch vor Aufregung. Denn Highlight des Auftritts waren jene neuen Songs, die er hier zum ersten Mal vortrug. Um Liebe ging es, vermischt mit Sarkasmus und Ironie. Und um Kokain. Ein Song, der einer Beschwörung glich. Ein Song, der in einen vulkanartigen Ausbruch endete, mit Faber, der sich auf der Bühne bog und wog und wohl selbst kaum das packte, was er gerade sang.

Zum Abschied dann der Gang in die Menge: Umringt von sitzenden und knieenden Fans, gab die Band ihre Version von Bella Ciao wieder.

Ich habe dich geliebt, tausendfrankenlang. Und wenn du neben mir liegst, sehe ich dich an. Dann schwebe ich davon, tausend Meter hoch, mir wird warm. Jetzt bin ich arm.“

– Tausendfrankenlang – Faber

Tausendfrankenlang hallte noch lange hinterher, getragen von Stimmchören über das Festivalgelände. Und selbst als Faber längst die Bühne verlassen hatten, der Song blieb und wanderte zur nächsten Bühne.

 

Back in Time mit The Cure

Den Abschluss des Freitags bildete The Cure. Dampfschwaden waberten auf der Bühne umher. Es zischte, wenn eine neue Ladung aus der Kanone kam. Der Dampf umhüllte die Instrumente – und The Cure ließen auf sich warten. Einen interessanten Auftritt lieferten sie auf jeden Fall: Robert James Smith (Gesang), der noch in alter Manier versuchte, mit der Menge zu interagieren, was jedoch nur noch teilweise funktionierte, Simon Gallup (Bass), der wie eine Hüpfdole die Bühne zum Trampolin werden ließ oder Roger O’Donnell (Keyboard), der wie erstarrt (bis auf seine Hände) in die Tasten schlug und sich hin und wieder eine Haarsträhne hinters Ohr strich.

Musikalisch gesehen war und ist an den erfahrenen Herrschaften nichts auszusetzen – sie wissen, wie sie auch noch nach der langen Zeit die Menge für sich gewinnen können.

 

„Happy Birthday to you, Happy Birthd….”

Oder so ähnlich. Ganz gut funktionierte der Geburtstagssong für Campino dann doch nicht. 57 Jahre alt geworden am Sonntag auf dem Southside und noch immer nicht zu alt, die Rampensau zu spielen. Zu den Toten Hosen muss und kann nicht viel gesagt werden: Campino gröhlt, die Menge gröhlt, jeder hat seinen Spaß. Eine stabile Show, verfeinert durch musikalische Schmuckstücke wie Auswärtsspiel, Das Mädchen aus Rottweil oder Pushed Again.

 

Die Bühne der neuen Bands

Das Schöne auf Festivals wie dem Southside? Auch kleine Bands haben die Möglichkeit, aufzutreten. So erging es KEEP IT CLOSE aus Landshut, die die Firestone Stage mit einem rockigen Sound zum Beben brachten.

„Bis der Schweiß von der Decke tropft“
– Keep It Close

Das gelang der vierköpfigen Männerband, die erst seit 2017 die noch kleineren Bühnen der großen Welt bestreiten.

Die Firestone Stage bot dieses Jahr jungen Bands zum ersten Mal die Möglichkeit, einen halbstündigen Auftritt auf dem Southside zu spielen. Für die Jungs von KEEP IT CLOSE war das natürlich ein absolutes Highlight.

 

“And I will wait, I will wait for you!”

Ein Menschenmeer singend, Marcus Mumford, der durch die Menge hüpft und Fans das Mikro vor die Nase hält, um diese mitsingen zu lassen. Mumford & Sons lieferten einen krönenden Abschluss eines sehr angenehm stressfreien Festivals.

Ein Festival, dass in die zweitfriedlichste Runde geht, mit nur 128 Straftaten, 914 protokollierten Versorgungen von Verletzten und ganzen drei Bränden.

Und dazu bot es wieder eine große Auswahl: Einkaufsmöglichkeiten, wie man sie von zu Hause kennt, Stürze von Bühnen (hoffentlich hat sich der Sänger der Rogers davon wieder gut erholt!), Schlauchboot-Crowdsurfing, Dauerregen und die damit einhergehenden Matschfelder, Sonnenschein, dass glatt Urlaubsfeeling aufkam, junge Bands, Klassiker und Legenden. Demografisch kann man zufrieden sein: noch nie wurden so verschiedene Altersgruppen angesprochen, was dem bunt gemischten Line Up zu verdanken ist. Die Veranstalter gaben am letzten Festivaltag auch gleich einen Headliner für 2020 bekannt und dementieren damit die Gerüchte, dass das Festival nächstes Jahr nicht stattfinden wird. Wer würde sich denn Dancehall Schwergewicht SEEED ins Boot holen, wenn das Festival ins Wasser fallen würde? Ganz nach dem Motto, nach dem Festival ist vor dem Festival, waren die Tickets der Preisstufe 1 schneller vergriffen, als man sich von dem anstrengenden Wochenende erholen konnte.