OurLastNight
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Kevin Jovi

Review: Our Last Night in München

8.4
von 10 Punkten

Reichlich ungewöhnlich beginnen Jule Vera den Post-Hardcore-Abend im Münchner Backstage. Schnell wird klar, dass die Indie-Pop-Band musikalisch nur bedingt ins Vorprogramm von Our Last Night passt. Spätestens als Sängerin Ansley Newman die Ukulele auspackt, wird das Gemurmel im Backstage lauter. Zudem wirkt die Sängerin nicht gerade besonders motiviert, mehr Aufmerksamkeit für ihre Band zu bekommen. Reichlich angestrengt kommen die Ansagen daher, fast wirkt es, als wäre die Ansley überall lieber, als hier im Backstage. Dabei offenbart ein Blick auf Youtube, dass die Warped Tour erfahrene Band durchaus schnellere Songs im Gepäck hat, die eher zum Zielpublikum passen würden. Gespielt wird allerdings keiner davon.

Danach betreten die Hawthorne Heights zur Zeitreise die Bühne. Angesichts des niedrigen Durchschnittsalters im Publikum ist es verständlich, dass nur wenige die Songs kennen. Dabei verkaufte die US-Band allein von ihrem Zweitwerk „If Only You Were Lonely“ (2006) mehr Alben, als Our Last Night in ihrer gesamten Bandgeschichte. Auf den großen Erfolg als Speerspitze der neu aufkommenden Emo-/Post-Hardcore-Bewegung folgte nach dem plötzlichen Tod von Shouter Casey Calvert (2007) allerdings auch der tiefe Fall. Aus der ursprünglichen Besetzung ist nun neben Sänger JT Woodruff nur noch ein Bandmitglied übrig. Der Sänger ist inzwischen 42 Jahre alt und leider ist das der Band auch auf der Bühne anzumerken. Der Sound wirkt wenig druckvoll und ähnlich energiearm fällt auch die Performance der Band aus, obwohl fast ausschließlich die über 10 Jahre alten Klassiker gespielt werden. Klar sind „Saying Sorry“ oder „Ohio is for Lovers“ immer noch Ohrwürmer, doch schon der einzige neue Song „Bad Frequencies“ offenbart, dass die Band in einer Sackgasse zu stecken scheint. Auch der neue Shouter geht stimmlich während der Songs fast unter.

Die Australier von Hands Like Houses zeigen da eine ganz andere Performance. Von der ersten Sekunde an schwappt die Energie der Kombo auf das Publikum über. Ständig wechseln der Bassist und die Gitarristen die Positionen. Auch Sänger Trenton Todd Woodley Smith nutzt seinen Bewegungsspielraum und peitscht die Fans immer wieder ein. Schon mit dem Opener „New Romantics“ bildet sich ein Mospit, der im Laufe der Show immer größer wird. „We haven’t been to Europe in four years “, entschuldigt sich Trenton. „We fucked up and that’s why it’s been so long. But I promise, we will back very soon!“ Satte 10 Songs spielen Hands Like Houses – und das als Vorband! Damit legen sie die Messlatte für den weiteren Verlauf des Abends hoch.

Our Last Night betreten zu den Klängen von „Same Old War“ die Bühne. Die US-Boys wurden als Coverband bekannt, die jeden Monat gelungene Cover von aktuellen Pop-Songs auf ihrem Youtube-Channel veröffentlicht. Kein Wunder, dass die Klickzahlen der Coversongs bei weitem alle bandeigenen Lieder bis auf „Sunrise“ übersteigen. Und hier liegt auch das Manko: Die Band kann auch live nicht verhehlen, dass viele der Songs musikalisch sehr ähnlich klingen. Hier rächt es sich vielleicht, dass die Band jeden Monat den Fokus auf ihre Coversongs legt, die wohl auch den Stil der eigenen Songs prägen. Selbst den Die Hard-Fans scheint es so zu gehen, denn viele stutzen am Anfang der Songs und viele der Lieder werden erst nach einiger Zeit erkannt. Our Last Night versuchen dies aufzufangen, indem sie die Cover von „Humble“ von Kendrick Lamar und „1-800-273-8255“ von Logic in ihre Setlist einbauen. Von der Performance her können Our Last Night auf jeden Fall mit Hands Like Houses mithalten. Die Energie der Band geht sofort aufs Publikum über, zahlreiche nicht zu stoppende Moshpits sind die Folge. Immer wieder werden die Fans aufgefordert zu springen – und diese leisten dem nur zu gern Folge.

Erstaunlicherweise legen Our Last Night bei der Songauswahl den Schwerpunkt nur auf die jüngsten Releases, wie das Album „Younger Dreams“. Titel der beiden ersten Alben der Bandgeschichte, wie die Songs „Recovery“ oder „Across the Ocean“, werden nicht gespielt. Dabei würden gerade diese, für die Band erstaunlich brachialen Tracks, für einige Abwechslung sorgen.

Nach 65 Minuten verlassen Our Last Night die Bühne. Im Anschluss folgt als Zugabe und 16. Song noch „Common Ground“. Bassist Alex “Woody” Woodrow lässt es sich nicht nehmen, mit einem Räucherstäbchen im Mund das Stagediven auszuprobieren – und das mitten während des Songs. Ein würdiger Abschluss eines starken Bandpakets.

Unser Fazit


Gesamterlebnis
8
Preis/Leistung
9
Qualität
8.5
Atmosphäre
8