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Review: Wacken Open Air 2018 – No rain just shine

9
von 10 Punkten

Was ist das Erste an das man denkt wenn man „Wacken“ hört?

Richtig.. MATSCH!

Viel Regen, sich schmutzig machen und „muddsurfen“ gehören einfach zum weltgrößten Metalfestival wie das Bier und die Acts.
Genau dieser Aspekt fiel dieses Jahr weg und aus dem Motto wurde „No Rain just shine“.

Los ging es dieses Jahr Mittwochs mit vielen kleinen bis großen Acts wie beispielsweise Sepultura oder Nazareth. Diese bespielten die Bühnen im Wackinger oder im Zelt. Einen für uns amüsanten Start lieferte der Auftritt vom Hocker-Rocker-Comedian Markus Krebs im Biergarten. Das erste Mal im Circle Pit befanden wir uns dann bei Dust Bolt auf der Wasteland Stage. Dort wurde wortwörtlich ordentlich Staub aufgewirbelt. Der Rest des Abends wurde traditionell im mittelalterlichen Wackinger Village begossen.

Donnerstag begann der Tag bereits beim Aufwachen mit einem leichten Hitzschlag. So zogen wir erstmal zu den Duschcamps, die wie sich die Woche abzeichnete, fast immer ohne anstehen zu erreichen waren. Verhängnisvollerweise konnte man sich nie auf die Wassertemperatur verlassen: Wenn ich duschen ging waren sie jedes Mal eiskalt, ich hörte aber davon, dass sich zwei Personen beim Duschen verbrühten weil das Wasser auf einmal über 70 Grad hatte.
Nachmittags schafften wir es dann zum Gelände, auf dem nun endlich auch die großen Bühnen „Faster“, „Harder“ und „Louder“ bespielt wurden. Einen kurzen Blick konnten wir noch auf Vince Neil erhaschen und zu „Girls, Girls, Girls“ mitwippen. Um 17 Uhr legte dann Udo Dirkschneider mit seinem Programm los. Vor allem mit gegröhlt wurde dann als das ehemalige Accept-Mitglied „Balls to the Wall“ kreischte. Ganz schauten wir uns den Auftritt jedoch nicht an da parallel auf der Louder-Stage OOMPH! gerade die schwitzenden Mengen zum zittern brachten. Der Sänger war absolut euphorisch, sprach viel mit dem Publikum und stimmte die Menge auf die bekannten Songs ein.

„So Wacken jetzt seit ihr an der Reihe… eins,…. Zwei, LAUTER, ..drei… LAUTER …vier …AM LAUTESTEN!!… fünf sechs sieben acht neun zehn!!“

Aufgrund der Hitze legten wir eine Kopfschmerztabletten-Pause am Campingplatz ein, die wir verschliefen bis ich vom Wecker der Wacken-App (auf die übrigens immer Verlass war auch ohne sonstigen Empfang) darauf aufmerksam gemacht wurde, dass in 12 Minuten Hatebreed die Bühne betreten würden. Trotz meiner noch vorhandenen Kopfschmerzen zwangen wir uns zurück aufs Gelände.

Auf dem Weg fragten wir uns zu welcher Bühne wir mussten doch dies erschloss sich als wir vor der Louder-Stage bereits von weit weg die gigantische Staubwolke erblickten.
Gerade rechtzeitig zu „Live fort this“, kamen wir an und warfen uns in die Massen die, die Band später noch liebevoll als „Dustfighter“ bezeichnen sollte. Bei „Destroy Everything“ gab es dann überhaupt kein Halten mehr und die Menge tobte. Nach diesem geilen Auftritt war das Kontrast-Programm zum eher neumodischen Hardcore dran: guter alter Oldschool – Heavy Metal à la Judas Priest!
Der Auftritt begann pünktlich und es wurde eine geniale Licht – & Leinwandshow geboten. Im Hintergrund wurde vor jedem Lied das Albumcover eingeblendet. Rob Halford wirkte meiner Meinung nach leider etwas müde und alt (und mit 66 Jahren ist er genauso alt wie Udo Dirkschneider). Er lies zwar mit vielen Kleidungswechseln und einer Perfomance auf einem Motorrad die Menge auf sich aufmerksam machen aber sonst gab es keinerlei Interaktion mit Publikum und Fans. Die Lieder wirkten wie abgespielt. Trotz dessen war es selbstverständlich als Metalfan einfach geil Judas Fucking Priest einmal live zu sehen und Klassiker wie „Turbo Lover“, „Pain Killer“ oder „Breaking the Law“ mit kreischen zu können, gerade mal 50 Meter zu den Metal Göttern entfernt.

Um Freitags nicht wieder in die selbe Bedroulle zu geraten wie am Tag zuvor beschloss ich, so wie viele andere Metalheads auch (man mag es kaum glauben) auf den geliebten Alkohol bis Sonnenuntergang zu verzichten. Cap und Sonnebrille wurden zum Muss, die Trinkflaschen aus dem Full-Metal-Bag gefüllt. Diesmal ging es um einiges früher los: Um 13 Uhr schaute ich mir einmal die Backstage Area des EMP-Stores an in dem ich mir von meinem Gutschein ein eiskaltes Wasser gönnen konnte. Sonst bot der Bereich nicht all zu viel. Die Zapfer waren nicht wirklich gut im Zapfen und die Cockatilmädels, habe ich mir zumindest sagen lassen, verstanden auch nicht all zu viel von Cocktails.
Unsere erste Band an diesem Tag hieß amorphis.

Bis jetzt hatte ich von dieser Band nur Shirts gesehen und wurde von einem Freund dorthin mitgenommen. Nicht viel später sollte ich ihm dafür danken, denn was diese Band lieferte war phänomenal. Der Sänger: eine geniale Stimme mit der er zwischen Gröhlen und Singen wechselte. Die Musik: eine wunderbare Mischung aus Heavy und Melodic.

Danach wurde ich zur Beer Garden Stage gezerrt. Dort spielte nun die Hamburger Band „Das Pack“. Diese lieferte sehr viel Entertainment gepaart mit guten Riffs und witzigen Texten. Die kleine Tanzfläche wurde schnell zu einem einzigen Pit-Knäuel, aber auch die Leute auf den Bierbänken konnten sich nicht lange halten und gröhlten „WACKÖÖN“, „SLAYEER“ und „KARSTADT“ mit.

Darauf wechselten wir wieder zu den Hauptbühnen die von Epica und Children of Bodom bespielt wurden. Beide Bands lieferten wieder ordentlich und wurden von ihren Fans beschrien und gefeiert was das Zeug hält.

Nach dem Crowdsurfer-Halten-Sport ließen wir uns mit etwas Abstand und gutem Essen von der selbsternannten Queen of Metal Doro Pesch berieseln. Diese bot neben ihrem Gesang und ihren Dauerparolen („Bang your heads!“, „This is so crazy!“) noch einige Überraschungen wie (als hätte man es erwartet) Mr. Amon Amarth: Johann Hegg. Man muss dazu sagen, dass Amon Amarth bei ihrem letztjährigen Auftritt Doro auf die Bühne holten, um ihre gemeinsamen Songs zu performen. Zum Ende gab die Metalbraut noch ihre Hymnen „We are the Metalheads“ und „All we are“ zum Besten, bei denen selbst ich einfach mit schreien musste. Wir machten uns danach gleich auf den Weg zu Nightwish weshalb ich nur noch am Rande hörte wie sie wohl noch ein Cover von „Breaking the Law“ gröhlte. Naja, wieso eigentlich nicht.

Zu Nightwish kann ich als Nicht-Fan leider nicht all zu viel sagen. Ich fand ihren Auftritt super und die Sängerin hatte ein sehr schönes Kostüm an.

Während dem Auftritt der russischen Pagan-Metal Band Arkona, verleibte ich mir dann köstliche Käsespätzlen ein. Die Band war leider akustisch gute 15 Meter von der Bühne nicht mehr wirklich verständlich (mal abgesehen von dem russisch).

Darauf folgte der absolute Höhepunkt unseres Wackenfestes:

„Hallo Wacken!“ „Hallo Otto!“ „Seid ihr alle da?“ „JA!“ „Sind auch die Mütter da?“ „JA!“ Sind auch die Väter da?“ „JA!“ „Seid ihr sicher, dass ihr die Väter seid?“

So begann das absolute Kontrast-Programm vom deutschen Kult-Comedian und Urgestein Otto Waalkes. Wie er erzählte beschaffter er sich nach der Anfrage Wackens, noch eine Band, die leider an diesem Abend verhindert war und er deswegen mit den „Friesenjungs“ gekommen war. Otto spielte seine „Hits“ so wie umgedichtete Cover und brachte damit alle zum Lachen.

Leider wurde Otto paralell zu Inflames gesetzt, so dass ich diese verpasste. Der nächste und letzte Act an diesem Abend war dann Ghost auf der Harder Stage. Irgendwie schafften wir es in die zweite Reihe und konnten nun ganz nahe „Cardinal Copia“ und für einen Song auch den Saxofon spielenden „Papa Emeritus“ bestaunen. Neben dem außergewöhnlichen Klang der Band und der lustigen Interaktion Tobias Forges mit uns wurde eine tolle dramaturgische Bühnenshow der maskierten Musiker geboten.

Samstags begann dann mit der guten Nachricht das es nicht ganz so warm werden sollte wie die letzten Tage. (Anscheinend wurden auch täglich Wetterberichte per Durchsage weitergegeben, aber davon hörte man in unserem Camp nicht besonders viel)

Die erste Band die wir ansteuerten war Knorkator. Es wurde durch die lustigen Mitsing-Texte, den fragwürdigen Tanzeinlagen und der überragenden Stimmung wieder ein Fest.

Auf der Harder Stage gaben sich danach die britischen Jungs von Skindred die Ehre: Ein Mix aus Metal, Reggae, HipHop und Punk-Elementen brachte die Menge zum Ausrasten. Die Stimmung war absolut am Kochen. Der Frontmann Benji Webbe brachte das Publikum dazu mit ihm seine Hits zu performen und lies keine langweiligen Songpausen zu. Ebenfalls ein absolutes Highlight in dieser Woche.

Da es bei den Hauptbühnen nur eine Wasserstelle gab, liefen wir nach dem Auftritt von Skindred einmal ganz um den Pudding zur Faster Stage um pinkeln zu gehen und Wasser aufzufüllen. Gojira schaute ich mir vom Jägermeisterhirsch aus an und beobachtete von weitem die ausrastenden Fans.

Als der Auftritt zu Ende ging drängelte ich mich durch die ausströmenden Massen um mich schon mal für Arch Enemy positionieren zu können. Ich ergatterte einen überragenden zweite Reihe Platz und schaute mir nun die Steel Panther Show über die Leinwände der Faster-Stage an. Steel Panther- schrille Klamotten, pinker Lipgloss, Haarspray und Metal. Die legendären Glammetaller besangen, entertainten und schockierten uns. In einer Stunde schafften sie es das Lob an die diesjährige Frauenquote von Wacken, mit purem Sexismus zu zerstören. Es wurde eigentlich eher eine Comedy-Show mit folgendem Striptease auf der Bühne als einer wirklichen Musikaufführung, aber auch das ist Metal. Viele weibliche Fans sind bereit ihre TShirts auszuziehen wenn es ein Rockstar ihnen sagt.
Die Arch Enemy Fans um mich herum hatten allerdings nicht so viel Spaß. Keiner applaudierte den „Sexy Motherfuckern“ die „feuchte Muschis von fetten Frauen“ wollen.

Nach diesem Schockprogramm für mein leicht feministisches Herz gab es auf der linken Seite des Doppelbühnenkomplexes kein Halten mehr. Einer der momentan beliebtesten Acts der Melodic-Death-Metalszene mit der nicht all zu unbekannten Frontfrau Alissa White-gluz rockte nun die Fasterstage. Mit Hits wie „The world is yours“, „You will know my name“ oder “War eternal” rissen sie die Bühne ein, präsentierten ebenfalls Songs von ihrem Meisterwerk “Will to power” wie beispielsweise “The eagle flies alone“. Allerdings konnte selbst ich in der zweiten Reihe Alissas blauen Haarschopf nur selten durch die Gegend fliegen sehen da die Dustfighter sich wohl die Möglichkeit zum Crowdsurfen bis nun aufgespart hatten und ich nun damit beschäftigt war die Metaller über die Bande zu werfen.
Dieser tolle Auftritt wurde noch mit einem TShirt der „Erzfeinde“ belohnt auf dem das Konzert karikaturmäßig und mit dem Schriftzug„Will to power to Wacken“ festgehalten wurde. Nach dem Auftritt klapperte ich die Sanizelte ab (das Zentrale auf dem Infield ist sehr einfach zu finden, das Hauptsanizelt etwas abgeschiedener, würde man denke nur finden wenn man nach fragt) um meinen Freund zu finden der während Arch Enemy beim Crowdsurfen einen nicht ganze eleganten Abgang gemacht hatte. Ohne Erfolg kehrte ich wieder zur Bühne zurück auf der nun die selbsternannten acht Kürbisköpfe wieder vereint standen. Sänger Andi Deris und Michael Kiske ließen auch in den Songpausen dem Publikum keine Zeit zum entspannen sondern nahmen Wacken mit auf eine Zeitreise der über dreißigjährigen Bandgeschichte. Beeindruckende Leinwandbilder wurden gezeigt, gigantische Kürbisbälle auf das headbangende Publikum los gelassen und am Schluss des zweieinhalbstündigen Auftritts ein phänomenales Abschlussfeuerwerk gezündet. Auch dies war wieder ein gebührender Auftritt einer der ganz,  ganz großen der Szene was immer wieder zeigt – egal wie alt oder jung, ob Frau oder Mann, ob schwarz oder weiß – Metal kann jeder.

Um den guten alten Heavy Metal noch mal zu übertünchen gönnte ich mir noch eine Stunde des Kaputtmachens und Kaputtgemachtwerdens bei der „Trancecore“-Band Eskimo Callboy. So wurden noch mal die letzten Kräfte  rausgelassen, mit dem müden Körper getanzt, mit der heißeren Stimme geschrien. Die sechs Jungs aus dem Ruhrpott bewiesen einmal mehr, dass sie nicht nur Bachelorettes aus dem TV verdient haben, sondern auch den letzten Headliner Platz auf der Louder Stage und Wacken 2018 so für mich abschlossen.

Ich könnte noch viel mehr und viel ausführlicher auf dieses gigantische Festival eingehen und viel mehr vor mich hin sülzen aber der Beitrag ist hier wohl schon zu lang. Abschließend ist zu sagen: Wacken ist nicht umsonst das Metal-Mekka der Welt. Nirgendwo erlebt man so viele bös aussehende Menschen so friedlich, kommunikativ, hilfsbereit und offen. Eine solche Atmosphäre ist goldwert egal bei welcher Band, Bühne, welchem Stand oder Campingplatz man sich aufhält. Kein Festival ist so gut organisiert und auf Naturkatastrophen (es gibt jetzt Stimmen die Dustfighter Shöörts statt Muddfighter Shöörts fordern) vorbereitet wie dieses. Und auch wenn Kritiker ihren Mund „Wacken wäre reine Profitgeilheit geworden und nur noch für Musiktouristen gut“ niemals halten werden, halte ich dagegen und sage:

See you next year Wacken! Rain or Shine!

Unser Fazit


Gesamterlebnis
9
Preis/Leistung
8
Qualität
9
Atmosphäre
10