Rockavaria1

Review: Doppelter Hosenriss beim Rockavaria 2018

7.3
von 10 Punkten

Die dritte Auflage des Rockavaria Festivals zog in diesem Jahr erstmals vom Olympiapark ins Stadtzentrum Münchens, auf den Königsplatz. Das Festival hat dabei mit einigen Kinderkrankheiten zu kämpfen, wie langen Einlasszeiten, überteuerten Bierpreisen (die Halbe für 5 Euro!), zu wenigen Toiletten und Festivalbändern aus Stoff, die bei Bedarf extra für 5 Euro dazu gekauft werden müssen. Zumindest die langen Einlasszeiten sind am zweiten Tag behoben – was aber auch damit zusammen hängt, dass deutlich weniger Fans da sind. Vom Ambiente her ist mit den Säulen der Glyptothek zur rechten Seite der Hauptbühne, der Antikensammlung zur linken und den Propyläen gegenüber alles vom feinsten. Allerdings hatten die Veranstalter nicht mit so viel Zuspruch für die zweite kleinere Bühne gerechnet, die sich hinter der Glyptothek befindet. Deshalb muss schon beim zweiten Act Dragonforce der Zugang zur Green Stage genannten Bühne gesperrt werden, was Ärger bei zahlreichen Fans erzeugt.

Auf der Hauptbühne lassen sich die Fans dagegen trotz zwei kurzer, aber heftiger Regenschauer die Laune nicht verderben. Killswitch Engage sorgen für erste Moshpits auf dem Königsplatz. Die Metalcore-Pioniere führten 2012 den mit Abstand interessantesten Mitgliederwechsel des Genres durch. Nachdem Sänger Howard Jones aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt vom Bandmikro erklärt hatte, präsentierte man Ex-Sänger Jesse Leach als Nachfolger. Die Band tourt derzeit mit Iron Maiden durch Europa und spielt sich auf einer grandios zusammengestellten Setlist durch die Bandgeschichte. Klassiker wie “My Last Serenade” oder “My Curse” stehen bei den Fans hoch im Kurs. Allerdings ist klar, dass die meisten Zuschauer an diesem Samstag vor allem auf Iron Maiden warten und ihre Reserven aufsparen. Der Sound auf der King’s Stage ist dafür den ganzen Tag über beeindruckend, während er auf der Green Stage etwas zu leise ausfällt. Guten Sound auf der King’s Stage liefern auch die Schweden von Arch Enemy, die sowohl stimmlich als auch optisch mit Shouterin Alissa White-Gluz überzeugen können. Zu ihrem Melodic-Death-Metal bangt der halbe Königsplatz, während die andere Hälfte versucht, den Flüssigkeitspegel hochzuhalten. Schließlich sollen bald die Legenden von Iron Maiden auftreten.

Iron Maiden beginnen mit “Aces High” und “Where Eagles Dare” und bieten sofort eine bombastische Feuershow, die eines Headliners würdig ist. Rund 20.000 Fans feiern auf dem Königsplatz als gäbe es kein Morgen. Ein gigantisches Spitfire-Flugzeug fliegt über den Köpfen von Bruce Dickinson und seinen Jungs. Dass Dickinson demnächst 60 wird, ist ihm in keiner Sekunde anzumerken. Auf der Setlist werden zahlreiche Klassiker aufgegriffen, die schon viele Jahre nicht mehr live zu hören waren. Später prangt ein großer Ikarus im Hintergrund der Bühne, passend zu „Flight of Icarus“. Bei „The Number of the Beast“ grölt der ganze Königsplatz mit. Fast zwei Stunden dauert die Show von Iron Maiden, die mit „Run to the Hills“ endet und die Metalheads glücklich und mit „Always Look on the Bright Side of Life“ in die Nacht entlässt.

Am zweiten Festivaltag muss das Rockavaria einen großen Verlust verkraften. Die Toten Hosen müssen wegen einem Hörsturz Campinos ihren Headlinerauftritt auf dem Rockavaria absagen. Da der Veranstalter den Gästen daraufhin ermöglicht, sich das Geld für Tagestickets komplett erstatten zu lassen, sind die Reihen an diesem Sonntag deutlich gelichtet. Der guten Stimmung macht das aber nichts aus, ist es doch so viel entspannter zur Hauptbühne vorzukommen. Die Emil Bulls geben dort den Takt vor und zeigen als Lokalmatadoren, was in ihnen steckt.

Danach betreten die Donots aus Ibbenbüren die Bühne. „Zeigt uns mal, dass sich jeder seinen Krankenschein fürs Arbeiten morgen verdient hat!“ grölt Ingo Donot ins Publikum. Die Band ist als Co-Headliner eingesprungen und darf deshalb nun auf der Kingstage ran. Ein wenig Hosenstimmung verbreitet die Band dann doch, denn „Opel-Gang“ wird gecovert. Auf der Setlist liegt der Schwerpunkt klar auf dem aktuellen Album „Lauter als Bomben“ doch auch einige der englischsprachigen Klassiker wie „Calling“ oder „Whatever happened to the 80s“ werden abgefeiert. Der Groove von „Wake the Dogs“ sorgt für lautstarke Singchöre auf dem Königsplatz. Das durch die Hitze doch etwas müde wirkende Münchner Publikum lässt ein letztes Mal die Pogos kreiseln. Die Stimmung trübt auch nicht der Hosenriss bei Gitarrist und Backgroundsänger Guido Donot. Grinsend versucht dieser durch das Loch in seiner Hose Gitarre zu spielen, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Auch ein weiteres Bandmitglied hat Mühe mit seiner Hose, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Das Twisted Sister-Cover „We’re not gonna take it“ läd zum Mitgrölen ein, genauso wie zum Abschluss einer heißen Performance “So Long”.

Zum Abschluss des Rockavarias 2018 entern Limp Bizkit die King’s Stage. „Did you know my last name is German?”, grinst Sänger  Fred Durst ins Publikum. „I’m thirsty Dursty!“ Fred Durst rappt, disst und tobt, als hätte er einen Song wie „Rollin’“ erst gestern geschrieben – dabei hat der Song mittlerweile über 17 Jahre auf dem Buckel. In Vertretung der Toten Hosen bemühen sich die Amerikaner um eine würdige Headlinerperformance. Vielleicht liegt deshalb auch der Schwerpunkt an diesem Abend auf dem Coverrepertoire der Band, die dafür auf Songs wie “Shotgun” oder „Golden Cobra“ verzichtet. Neue Songs gibt es bereits seit Jahren nicht mehr von der Band, daher lebt die Setlist von der Erinnerung an die Jugend zahlreicher Fans in den 2000er-Jahren. „Faith“ von George Michael wird vom Königsplatz enthusiastisch begrüßt, „Killing in the Name of“ bringt die Mosh Pits zurück, genauso wie Wes Borlands Cover von “Smells like Teen Spirit”. Zum Abschluss des Konzerts darf ein Fan auf die Bühne und zusammen mit Fred Durst “Nookie” singen. Grinsend verspricht Durst danach den ersten Song des neuen Albums, auf das die Fans bereits seit sieben Jahren warten. Was dann aber aus den Boxen schallt sind die vertrauten Klänge von „Break Stuff“. Die kleine Schwindelei regt aber niemand auf, der Running Gag mit dem neuen Album ist einfach zu gut. „Take A Look Around“ beendet einen starken Auftritt der nicht tot zu kriegenden Band. Das Warten aufs neue Album geht allerdings weiter.

Was bleibt ist ein starker Premiereneindruck des Rockavarias mitten in der Stadt. Werden die genannten Kinderkrankheiten behoben, und haben die Veranstalter diesmal mehr Glück mit den Headlinern, dann dürfte es auch im nächsten Jahr ein grandioses Rockavaria 2019 geben.

Unser Fazit


Gesamterlebnis
7
Line-Up
7
Preis/Leistung
7
Atmosphäre
8