Melt-Festival-2017-150717-016

Review: Happy Birthday! 20 Jahre Meltfrieden

8
von 10 Punkten

Warpaint: nicht gesehen. MØ: nicht gesehen. The Kills: nicht gesehen. Radio Slave: nicht gesehen. Es ist doch immer wieder dasselbe mit Festivals. Hochmotiviert schaut man sich vorher das Line Up an, nimmt sich vor, so viele Acts wie möglich zu schauen, und findet sich letztlich doch wieder bis zum Abend auf dem Campingplatz wieder. Der alte Kampf. Ein ewiger Fluch. Dabei ist man doch in erster Linie wegen der Musik da, redet man sich dann selbstgeißelnd ein. Völlig unangebracht. Denn Festival ist natürlich viel mehr, als nur Konzerte. Beim Melt zum Beispiel gibt’s Yoga, Malkurse, verschiedene Workshops oder den Gremminer See. Und natürlich jede Menge Leute, die man kennenlernen kann. Iren, Niederländer, Schotten, Schweizer, Australier. Wenn ein Festival Menschen so unterschiedlicher Herkunft anlockt, spricht das für sich.

20 Jahre hat das Melt nun bereits auf dem Buckel. Das ist keine Selbstverständlichkeit, längst nicht jedes Festival hält so lange durch. Vielleicht ist es der Genre-Mix, der die Fans Jahr für Jahr nach Ferropolis pilgern lässt. Vielleicht ist es aber auch die Location selbst, die weltweit wohl ihresgleichen sucht. Manche monierten, dass das Line Up zum runden Geburtstag nicht hochkarätig genug sei. Bei genauerem Hinsehen ließen sich jedoch einige Perlen finden. Soulwax zum Beispiel. Sonntagabend, 20.30 Uhr, Medusa-Stage. Recht unscheinbarer Slot. Was dort aber abging, war an Euphorie kaum noch zu überbieten. Die belgische Rockband hatte ein Setup auf der Bühne platziert, das schon von weitem Eindruck machte. Zeitweise trommelten hier vier (!) Musiker auf ihren Drumkits. Welch wuchtige Energie damit freigesetzt wurde, muss wohl nicht weiter erläutert werden. Problemlos hätte man Soulwax auch zwei Stunden später auf der Hauptbühne spielen lassen können.

Genau dort ging es gleich danach brillant weiter mit Phoenix. Die Franzosen, mit ihrem neuen Album „Ti Amo“ im Gepäck, zeigten sich zwar zunächst eher zurückhaltend in ihrer Performance. Das sollte sich aber spätestens dann ändern, als Sänger Thomas Mars sich samt meterlangem rotem Mikrofonkabel crowdsurfend ins Publikum begab, um sich dort auf der Menge stehend feiern zu lassen. Eine Szene, die angesichts der vielen gezückten Smartphones wohl vielfach durch die Sozialen Medien tingeln dürfte. Ein Bad in der Menge nahm nach Phoenix auch Ninja, Rapper der südafrikanischen Rap-Rave-Band Die Antwoord. Mit Anlauf warf er sich in die ausrastende Menge. Was ¥o-Landi, Ninja und DJ Hi-Tek zum Abschluss des Festivals noch aus dem Publikum herausholten, hätte an diesem Wochenende und zu dieser Uhrzeit wohl kein anderer Act vermocht zu schaffen. Die Antwoord überrollte die Menge vor der Hauptbühne wie eine Lawine. Es wurde gesprungen, getanzt, gepogt. Ekstase pur. Es sollte einer der letzten Auftritte der Band sein, bereits im Herbst vergangenen Jahres gaben die Südafrikaner ihre Auflösung im kommenden September bekannt.

Weniger ekstatisch, dafür wie erwartet politisch, war der Auftritt von M.I.A. am Freitagabend. Ein großer Zaun zierte das Bühnenbild der britischen Sängerin. Gleich zu Beginn ertönte „Borders“ durch die Lautsprecher. Ein Song, der sich mit der Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre auseinandersetzt. “Borders, what’s up with that? / Identities, what’s up with that? / The new world, what’s up with that?”, fragte die Sängerin von der Bühne herab und setzte damit einen krassen Gegenpol zum sonst so hedonistischen Treiben des Melt Festivals. Zwar wollte der Funke nicht so recht überspringen, dennoch war der Auftritt ein Höhepunkt des Festivals, da man M.I.A. nur recht selten live zu sehen bekommt.

Neben den zahlreichen Live-Shows auf den großen Bühnen, hervorzuheben ist hier noch das wunderbare Konzert von Bonobo und Band am Samstagabend, gab es aber natürlich auch wieder massig gute Clubmusik von DJs wie Job Jobse, Ellen Allien, Jimi Jules, Mall Grab oder Skatebård zu hören. Auf dem legendären Sleepless-Floor donnerte der Sound von Donnerstagabend 18 Uhr bis Montagmittag 12 Uhr durchgängig aus den Boxen. Das war sogar quer über den See auf dem Zeltplatz noch gut zu hören. Dort, wo die weniger Pep-Gepeitschten auch mal versuchten ein Auge zuzumachen. Wo quasi immer irgendwo Bierpong oder Flunkyball gespielt wurde. Dort, wo biertrichternde Teenies und ketasniefende Hipster gemeinsam zum nicht ganz ernst gemeinten Hacke-Sound der Zeltnachbarn tanzten. Beim Melt verschmilzt eben alles miteinander. Genregrenzen ebenso wie die der verschiedenen Nationalitäten. Das spielt ein Wochenende lang keine Rolle. Das ist gut. Das soll so bleiben. Auf die nächsten 20 Jahre. Für den Meltfrieden.

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Unser Fazit


Gesamterlebnis
9
Line-Up
8
Preis/Leistung
8
Atmosphäre
7