Kosmonaut_Festival_by_Stephan_Flad

Review: Mit ganz viel Liebe – KOSMONAUT FESTIVAL 2017

8.9
von 10 Punkten

Die Sonne scheint, auf dem Stausee Rabenstein schippern Tretboote, glückliche Menschen chillen mit Getränk auf der Wiese – die perfekte Sommer-Idylle. Und somit auch das ideale Setting für das KOSMONAUT FESTIVAL, das am 16. und 17. Juni seinen fünften Geburtstag feierte. Im intimen Rahmen mit einigen erlesenen Partygästen – 15.000 an der Zahl.

2013 wurde das KOSMONAUT FESTIVAL von der Chemnitzer Erfolgs-Band Kraftklub ins Leben gerufen, die nach wie vor kräftig mit anpackt – damals ging das Festival noch einen Tag, der Eintritt kostete acht Euro. Heute bewegt sich das Ganze in etwas größeren Dimensionen, das Grundkonzept ist jedoch geblieben.

Bei diesem steht vor allem eins im Fokus: Ganz viel Liebe zum Detail. So wurde die sowieso schon wunderschöne Kulisse mit vielen handgemachten Attraktionen aufgewertet. Ob eine Minigolf-Anlage mit den Kosmonaut-Buchstaben, eine Flunkyball-Arena inklusive Tribüne, selbstgebaute Hochsitze im Ufo-Stil, vorfrankierte Postkarten, mit denen die Besucher kosmische Grüße verschicken konnten oder die Steinbühne, die mit dem Herzblatt-Studio am Freitag und dem Creepy Comedy Club am Samstag Kontrasprogramm bot – man spürte einfach, dass die Gastgeber rund um die Band mit dem K hier nicht einfach nur ein 08/15-Festival errichten wollten. Und auch der Bereich hinter der Bühne war mit viel Liebe gestaltet, wie viele der Acts während ihres Auftritts betonten.

Dazu gab’s zahlreiche Möglichkeiten zur Verköstigung sowie Stände von Partnern des Festivals – unter anderem mit Karaoke oder kostenlosen Tattoos im Angebot. Und natürlich den besagten Stausee zum Abkühlen (auch wenn dies nur die ganz Hartgesottenen taten). Doch nun genug vom Gelände-Rundgang. Zeit für Musik.

Freitag: Erfolgreiche Newcomer und alte Hasen

Die Hauptbühne wurde am Freitag-Nachmittag von den Kieler Indie-Kindern Leoniden, die dank ihres starken Debüt-Albums aktuell völlig zurecht einen kleinen Hype erleben, eröffnet. Nachdem Reibeisenstimme Fil Bo Riva das Tempo etwas drosselte, baten Von Wegen Lisbeth zum Indie-Pop-Intermezzo. MoTrip brachte im Anschluss den Hip-Hop auf die Mainstage – Highlight seines Sets war jedoch das eher balladekse und allseits bekannte “So wie du bist”, für das Feature-Partnerin Lary sogar höchstpersönlich die Bühne enterte.

Doch nicht nur auf der größten Bühne des KOSMONAUT FESTIVALs war einiges geboten – einige feine Geheimtipps wie Giant Rooks oder Gurr fanden auf der Atomino-Bühne eine Heimat (Kraftklub-Fans und Chemnitz-Kundige wissen sicherlich, woher der Name diese Stage kommt), während auf der Siggi-Bühne Elektronisches zu Hause war.

Die Editors lieferten als Co-Headliner des Tages eine gelungene Show, brachten allerdings keine große Euphorie aufs Festivalgelände. Gefühlt passten die Briten leider auch nicht so ganz zum restlichen Programm des Festivals. Der abschließende Hit “Papillon” animierte allerdings doch noch einmal alle zum kollektiven Tanzen.

Deichkind hatten es da schon deutlich einfacher. Die Herren sind einfach Garanten für grandiose Stimmung und eine perfekt durchinszenierte Performance, was sie auf den Brettern des KOSMONAUT FESTIVALs einmal mehr bewiesen. Wer nach der schweißtreibenden Show, bei der “Remmidemmi” (was auch sonst) den Abschluss bildete, noch nicht kaputt getanzt war, konnte sich vom melancholischen Indie/Hip-Hop OK KIDs verzaubern lassen oder auf der Inflagranti-Bühne u.a. zusammen mit den Drunken Masters die Aftershow-Party zelebrieren.

Samstag: Kontrastprogramm und der geheime Headliner

“Und? Was denkst du wer’s ist?” – die wohl meistgestellte Frage am zweiten Festivaltag. Gemeint war natürlich der sagenumwobene geheime Headliner, der eine feste Tradition beim KOSMONAUT FESTIVAL ist. Im zugehörigen Wettbüro konnten die Besucher bis Samstag-Nachmittag ihren Tipp für den Secret Headliner abgeben und mit etwas Glück ein Wohnzimmer-Konzert von Kraftklub gewinnen – zur Auswahl standen 20 echte Hochkaräter wie die Beatsteaks, Casper, K.I.Z. oder Marteria.

Bevor das große Geheimnis gelüftet wurde, galt es jedoch erstmal, noch einen ereignisreichen Festivaltag zu verbringen. Und dieser begann für viele Besucher bereits um 07:30 Uhr, als Kraftklub mit einem LKW über den Campingplatz rollten und die Besucher sanft mit einem Spontan-Konzert weckten. Geheime Sachen scheinen eine große Spezialität der Jungs zu sein.

Der restliche Tag sollte nicht weniger reich an Highlights sein: Auf der Hauptbühne zogen beispielsweise Bilderbuch mit ihrem charismatischen Frontmann Maurice Ernst das Publikum in ihren Bann, während die Jungs von AnnenMayKantereit, die vorher Kraftklub mit Bravour beim Flunkyball geschlagen haben, mit ihrer wunderbar pragmatischen Bühnenshow und natürlich dem unverkennbaren Organ Henning Mays überzeugten. Die Atomino Bühne bot währenddessen Kontrastprogramm par excellence – auf welchem Festival spielen schon FJØRT direkt nach SXTN? Eine eigene Heimat für den Hip-Hop gab’s am Samstag auf der Blok-Party-Bühne, auf der unter anderem LGoony und Fatoni auftraten.

Um 22:45 Uhr war es schließlich so weit: Nach einer kurzen Danksagung der Kraftklub-Jungs höchstpersönlich fiel schließlich der schwarze Vorhang begleitet von den fetten “Ahnma”-Bässen – ja, die Beginner waren der geheime Headliner. Und das Publikum regierte gemischt. Während von einigen sofort begeistert die Hip-Hop-Arme in die Luft schnellten, schienen andere weniger angetan oder verließen sogar den Bereich der Mainstage – das ist eben das Risiko bei einem Secret Headliner. Doch die Hamburger zeigten sich davon redlich unbeeindruckt und weckten mit ihrer tadellosen Hip-Hop-Show Erinnerungen an alte Splash!-Zeiten. Und danach gab’s natürlich wieder reichlich Möglichkeiten zur Aftershow-Party.

Bereit machen zum nächsten Abflug!

Mit seiner genialen Kulisse, dem abwechslungsreichen Programm fernab von Genre-Grenzen und der liebevollen Gestaltung zählt das KOSMONAUT zweifellos zu den schönsten Festivals in Deutschland. Man darf gespannt sein, wie sich das Festival weiter entwickelt – bleibt zu hoffen, dass das Ganze nicht künstlich größer gezüchtet wird und darunter wohlmöglich der Wohlfühl-Charakter leidet. Wir putzen jedenfalls schonmal den Raumanzug für den nächsten Raketen-Start am 29. und 30. Juni 2018.

Unser Fazit


Gesamterlebnis
8.5
Line-Up
8
Preis/Leistung
9
Atmosphäre
10