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“Let’s start a Tour!” The Exploited in Magdeburg

7.6
The Exploited
+ The Casualties
+ Code Red
am 05.04.17 auf "The Real Punk Rock Tour Part II" in der Factory in Magdeburg.

19Uhr auf den Punkt. Ich befinde mich vor der Einfahrt der Factory. Vor mir stehen zwei Autos und ich sehe fünf Punks auf der Straße sitzen, die eine Flasche Schnaps kreisen lassen. Mir kommen erste Zweifel. Nervös vergleiche ich das Datum auf meinem Display mit den Zahlen, die auf meinem Ticket stehen. Passt. Sieht so etwa der Empfang für eine lebende Legende aus?

So leer wie heute habe ich die Location noch nie gesehen. Der Merchstand ist kurzerhand in den Konzertsaal verlegt worden – normalerweise wird dieser in der Eingangshalle aufgebaut. Erstes Indiz dafür, dass man heute offensichtlich mit weniger Leuten rechnet als sonst. Die Auswahl von THE EXPLOITED und THE CASUALTIES ist hervorragend, zu sehr vertretbaren Preisen. Es gibt also auch in diesen schwierigen Zeiten noch Bands, die Fannähe praktizieren.

Der Beginn wird um eine Viertelstunde verschoben. Mittlerweile haben sich die ersten 100 Gäste eingefunden. Den Anfang machen heute CODE RED. Die vier Groove Thrasher haben die schwere Aufgabe, ein im ganzen Saal verstreutes Publikum von ihren Qualitäten zu überzeugen. Sie nehmen dieses Ziel an und knüppeln sich solide durch ein 35 minütiges Set. Leider bekommen die Jungs weniger Aufmerksamkeit als die Garderobe oder die Bar. Im Laufe der Show finden sich einzelne Headbanger und ein verschüttetes Bier vor der Bühne ein, aber der oldschool-lastige Sound zündet heute nicht. Was sehr schade ist, weil die Freiburger eine astreine Performance hinlegen. Hoffentlich fahren CODE RED an anderer Stelle mehr Zuspruch ein, sie haben es verdient. Mit „Pray for Me“ verabschieden sie sich.

Nach einer kurzen Umbaupause läuft das Intro, das heute unpassender nicht sein könnte. Eine opernhafte Frauenstimme erschallt durch den Saal und die New Yorker Hardcore-Punk-Institution THE CASUALTIES entern die Bretter. Mit „No Rules“ brechen sie endlich mit der Stock-im-Arsch-Stimmung und das mittlerweile vollzählige Publikum kommt in Fahrt. Sind es anfangs noch einzelne Pioniere, pulsiert der Pit vor der Bühne ab Mitte des Sets geradezu. Fliegende Bierbecher, gestreckte Fäuste, missbrauchte Stimmbänder – ENDLICH fühlt es sich nach einem Punkkonzert an. THE CASUALTIES schreddern sich einmal Querbeet durch die traditionsreiche Bandgeschichte und schmettern zusätzlich ein astreines Cover (nämlich „R.A.M.O.N.E.S.“), bei dem die Gäste Textsicherheit beweisen.

Jorge, heute mal mit schlaffen Haaren, ruft einen Wettbewerb aus. Dazu braucht er zwei Freiwillige. Da sich niemand meldet, bestimmt er kurzerhand zwei Männer. Der Größere nimmt den Kleineren auf seine Schultern. Jorge bestimmt ein zweites Pärchen. Er befiehlt den beiden Huckepackduos, dass sie sich gegenseitig schubsen sollen, bis ein Paar umfällt. Mit stolzgeschwellter Brust verkündet das letzte verbliebende Gründungsmitglied, dass das Siegerduo „free merchandise and 1,000 mexican pesos“ gewinnt. Er bittet einen jungen Mann aus dem Publikum, das in Deutsch zu übersetzen. Das Mikro vor dem Mund klärt dieser präzise auf: „Freestyle!“. Mit diesem Siegeszug der Völkerverständigung stimmen THE CASUALTIES „Ugly Bastards“ an. Nun stehen sich beide Kampfhuckepackler gegenüber und wissen nicht so recht, wie sie taktieren sollen. Erst ein mutiger Skinhead, der beide Paare anrempelt, bringt den kurzen Kampf in Gang. Die beiden kleineren Männer schubsen sich heftig. Ein Duo fällt klatschend auf den Boden aus Stahlblech, das andere jubelt begeistert und holt sich seinen Gewinn am Merch ab. Mit „We are all we have tonight“ beschließen THE CASUALTIES ein grandioses 50minütiges Set.

Nach kurzem Umbau betreten THE EXPLOITED die Bühne. Schnörkel- und bombastlos läutet Wattie das zweite Konzert der Tour mit einem lauten „How you’re doing!?“ und dreimaligen Klopfen mit dem Mikro auf seine Stahlplatte im Hinterkopf ein. „Let’s start a War!“ kaum ausgesprochen, ballern die Schotten auch schon los. Das Publikum ist sofort von 0 auf 100 und feiert von der ersten Sekunde an mit. Der Pit vergrößert sich sogar noch und der vordere Saalbereich ist eine sich permanent bewegende, pulsierende Masse.

Im Laufe des kurzen Openers schmiert Watties Mikro ab. Anstatt seiner Stimme erklingen rauschende Störgeräusche. Achtlos schmeißt er es in die Ecke und schnappt sich Robs Mikro. Beim zweiten Song „Fight Back“ setzt auch dieses aus. Kurzerhand wirft Wattie es weg und bekommt vom Roadie ein Ersatzstück gereicht. Noch bevor der Song zuende ist, segnet auch diesem Stimmverstärker das Zeitliche. Nachdem „Fight Back“ instrumental zuende gebracht wurde, kommen zwei Techniker auf die Bühne und betreiben Fehleranalyse. Schweißperlen setzen ein und ratlose Blicke irren über den Bühnenaufbau. Während das Publikum die Stimmung oben hält und Lieder anstimmt, werden Wattie und Rob zusehend wütender. Einer der Techniker gibt das OK zum Weitermachen. Die Situation wurde verbessert, das Problem aber nicht gelöst. Immer wieder gibt es Störgeräusche, immer wieder setzen Mikros komplett aus. Nach jedem dritten Lied muss nachgestellt, Fehler behoben und Komponenten gewechselt werden. Die Stimmung unter den Bandmitgliedern wird immer schlechter. Kurz vor Ende des Sets läuft Rob im Kreis, klopft auf sein Mikro und packt einen der Techniker am Kragen. Wattie, selbst auf 180, muss dazwischen gehen um eine Rangelei zu unterbinden. Die Gäste hingegen nehmen die Technikprobleme deutlich entspannter hin und feiern die Konzertphasen, in denen alles funktioniert, vorbildlich ab. Im Minutentakt fliegen Becher und fallen Poger auf die Nase, nur um aufgehoben zu werden und weiterzumachen.

Die Setlist fällt wenig überraschend aus, liest sich aber auch saustark:

01) Let’s start a War!

02) Fight Back

03) Dogs of War

04) The Massacre

05) UK 82

06) Chaos is my Life

07) Dead Cities

08) Alternative

09) Noise Annoys

10) Never sell out

11) Rival Leaders

12) Troops of Tomorrow

13) I believe in Anarchy

14) Holiday in the Sun

15) Cop Cars

16) Beat the Bastards

17) Fuck the System

18) Porno Slut

19) Army Life

20) Fuck the USA

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21) Sex and Violence

Nach „Fuck the USA“ verlassen THE EXPLOITED wortlos die Bühne. Anstatt nach Zugabe zu rufen, brüllen vereinzelte Punker undefinierbare Wortfetzen. Um dem nachzuhelfen, kommt Drummer Wullie (übrigens Watties Bruder) zurück. Er läd die Gäste ein, die Bühne zu erklimmen, um gemeinsam mit der Band die letzten Songs zu feiern. Erst zögerlich, dann nach und nach kommen einige Mutige auf die Bretter. Nun kehren auch die anderen drei Musiker zurück und gemeinsam wird der lyrisch anspruchsvolle Song „Sex and Violence“, der gleichzeitig Titel und Songtext ist, zelebriert. Allerdings singen die Freiwilligen aus dem Publikum so dermaßen neben der Spur, dass Rob den Takt vorgeben muss. Fünf Minuten lang werden die drei Worte ausschweifend zelebriert und die Stimmung erreicht ein neues Hoch. Nur leider bei der Band nicht. Wattie wirft mit seinen letzten Worten „Fuck it“ das Mikro gegen das Drumset und verschwindet. Musik aus der Konserve setzt ein und verkündet das überraschende Ende des Auftritts. Es dauert einige Minuten, bis das Publikum versteht, dass die Zugaberufe ungehört im Saal verhallen. Der Stagemanager sperrt sich mit fliegenden Armen gegen die Fortsetzung der Show, man habe die Sperrzeit schon überschritten. Damit enthält er dem Publikum die letzten drei Songs, die laut aushängender Setlist in Summe die Bandhymne „Punks not dead!“, Was it me“ und „Maggie you Cunt“ gewesen wären. Nur langsam leert sich der Saal, Proteste werden ignoriert und ein penetrant unbefriedigendes Gefühl setzt ein.

Fazit: Ein sehr durchwachsener Abend, der viel Potenzial verschwendet hat. Nach dem holprigen Start haben THE CASUALTIES das Publikum vorbildlich auf Temperatur gebracht, nur konnte die eigentliche Hauptmahlzeit, THE EXPLOITED, diese Grundlage nur wenig nutzen. Die Technikprobleme haben sich gravierend auf die Performance ausgewirkt. Nach 37 Jahren Musikerleben hätte man der Band einen besseren Umgang mit solchen Situationen zutrauen können. Immer wieder wurde die Stimmung besser, nur um dann wieder abzuknicken. Zwischendurch hatte Wattie auch deutlich seinen Spaß. Er witzelte mit den Frontkämpfern, schüttelte entgegengestreckte Flossen und trank ihm zugereichte Biere. Positiver Höhepunkt war die Performance von „Sex and Violence“ gemeinsam mit zahlreichen Fans auf der Bühne.

Es bleibt ein Rätsel, warum man dem Stagemanager nichts entgegensetzte, als dieser die Show vorzeitig beendete. Immerhin fehlen 10min Spielzeit mit drei wichtigen Songs. Ob der Band die Hände gebunden waren oder ob sie selbst keinen Bock mehr hatten, lässt sich schwierig einschätzen. Schade ist in jedem Fall, dass sie das Niveau, auf dem sie auf der letztjährigen Tour gespielt haben, heute nicht darbieten konnten. Vielleicht wird es beim nächsten Mal besser. Cheers!

Euer Michel \m/

Unser Fazit


Gesamterlebnis
7.3
Preis/Leistung
9.2
Qualität
6.9
Atmosphäre
7