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Fotocredit:
Michael Hellstern

Review: ROCKCAMP 2017 – Das Saarland bebte

7.9
von 10 Punkten

Aufgewirbelter Sand durchzieht die Luft, hin und wieder huscht tanzend eine hochgereckte Faust vorbei. Der Untergrund gleicht einer Prärielandschaft – wir befinden uns an diesem 24. Juni auf dem Rockcamp in Saarwellingen in der Nähe von Saarbrücken. Da am Tag zuvor bereits das Saarmageddon die Umgebung beschallte, ist der Boden auf Grund der Sommerhitze eine Staubwüste. Jeder Mosh Pit sorgtfür neue aufgewirbelte Staubwolken, die an den neben dem Festivalgelände stehenden Bäumen vorüberziehen.

Bei As It Is gibt es allerdings noch keinerlei Staub zu sehen. Zwar spulen die Jungs aus Brighton ihr Programm engagiert ab, bis auf eine Handvoll Die Hard-Fans können sie aber niemanden wirklich begeistern. Ihr extrem poppiger Teenie-Rock mit reichlich belanglosen Texten wirkt angesichts des restlichen Lineups fehl am Platz. Any Given Day aus Gelsenkirchen sind da schon ein anderes Brett. Der brachiale Metalcore rollt förmlich über Saarwellingen hinweg und dürfte noch weit bis ins dahinter liegende Freibad zu hören gewesen sein. Dabei ist es erstaunlich was für zarte Klänge Sänger Dennis Diehl in den Refrains aus seiner Kehle schütteln kann.

Die Schweden von Adept schlagen in die gleiche Kerbe und zeigen, wie sehr sich Liveperformances doch von der CD unterscheiden können. Sänger Robert Ljung keift und brüllt sich durch die Setlist, als gäbe es kein Morgen. Die Intensität der Musik ist spürbar, Adept haben richtig Bock auf das Rockcamp. „Shark! Shark! Shark!“ bringt die erste Wall of Death des Tages. Todesmutige Saarländer prallen auf verwegene Zugereiste und wälzen sich gemeinsam das eine oder andere Mal auf dem Staubboden. „Sleep all day and party all night – We’ll never grow old“ ist das Motto von Adept, was Robert Ljung auch trotz des Auftritts am Nachmittag lautstark kund tut: „Lost Boys“ beendet die bis dato beste Performance des Tages.

Im Anschluss knüppeln die britischen Kombos Hacktivist und While She Sleeps alles nieder was sich ihnen in den Weg stellt. Erstere durchsetzt mit starken Rapeinlagen, während While She Sleeps eher wie ein Liebesakt zwischen Parkway Drive und Killswitch Engage klingen. Einige der Lücken vor der Bühne schließen sich, während immer mehr Festivalbesucher eintrudeln, die wohl nur wegen den am Abend spielenden Bands gekommen sind.

The Bouncing Souls geben am letzten Tag ihrer Europatour noch einmal alles. Der beschwingte Sommerpunk der vor mittlerweile 28 Jahren gegründeten Band passt perfekt zur Saarwellinger Sommerhitze. „Lean on Sheena“ oder das herausragende „East Coast! Fuck You!“ überzeugen mit ihrer Gute-Laune-Attitüde. Das fortgeschrittene Alter ist den Mitgliedern der Bouncing Souls überhaupt nicht anzumerken. Kurz vor Schluss lässt die Band dem Publikum die Wahl: „Manthem“ tritt gegen „Anchors Aweigh“ an und das Publikum darf abstimmen, welcher Song als nächstes gespielt wird. „Anchors Aweigh“ gewinnt dank lautstarker Rufe und beendet mit dem folgenden „True Believers“ den Gig.

Danach betreten Against Me! die Bühne. Sängerin Laura Jane Grace nimmt sofort die Menge mit: Verschnaufspausen gibt es kaum, Against Me! jagen durch eine grandiose Setlist. Schon als zweiter Song wird „I was a Teenage Anarchist“ gespielt und das Saarland reckt vergnügt die Fäuste zum Himmel, während die Pogos kreisen. In intimen und berührenden Songansagen erklärt die als Thomas James Gabel geborene Transfrau Laura Jane Grace die Hintergründe zu Liedern wie „Delicate, Petite & Other Things I’ll never be“ oder „Unconditional Love“. Live werden viele der Songs noch eine Spur schneller und energiegeladener gespielt und laden durch ihre eingängigen Refrains zum Mitsingen und Mitgrölen ein.

You Me At Six ist an diesem Abend die erste Band, die wirklich enttäuscht. Auch wenn sich die Briten Mühe geben: Stimmung können sie kaum erzeugen. Schon von ihrer Musikrichtung aus sind sie mit ihrem Pop-Rock zwischen Against Me! und Enter Shikari fehl am Platz. Hinzu kommt, dass der Sound sehr schlecht abgemischt ist. Mal sind die Drums viel zu laut zu hören, dann scheppern die Gitarren. Von Josh Franceschis Stimme ist kaum etwas zu hören, da er im Soundbrei untergeht. Resignierend ob der wenig begeisterten Menge verlassen You Me At Six die Bühne.

Enter Shikari beschließen den Abend und liefern eine Performance ab, die sich eines Headliners als wahrhaft würdig erweist. Sänger Rou Reynolds mimt torkelnd auf der Bühne den betrunkenen Hipster, XXL-Weinglas inklusive. Dies gehört allerdings zur Show, denn trotz aller Koordinationsprobleme trifft er weiterhin jeden Ton mit seinem Gesang und am Keyboard. Der Sound ist perfekt abgemischt, fluoreszierende Lichter erhellen die Kulisse. Immer wieder blenden Lichtblitze die Augen, alles nur abgemildert durch die vom riesigen Circle Pit aufgewirbelten Staubwolken. Die Setlist lässt keine Wünsche offen, denn so gut wie alle Hits werden gespielt. Welche Hitvielfalt die Band mittlerweile besitzt unterstreicht der Klassiker „Sorry You’re not a Winner“, auf den „The Last Garrison“ und „Juggernauts“ folgen und die alle vom Publikum abgefeiert werden. „The Appeal & The Mindsweep“ beschließt einen wundervollen Festivaltag. Die Setlist mit ihren 14 Tracks hätte ruhig etwas länger sein können, aber als die Lichter erlöschen scheint das Rockcamp doch ziemlich erschöpft zu sein. Man darf nur hoffen, dass Festival-Geheimtipps wie das Rockcamp noch lange Zeit erhalten bleiben.

Unser Fazit


Gesamterlebnis
8
Line-Up
8.5
Preis/Leistung
8
Atmosphäre
7