Lockenschütteln mit Real Friends in Stuttgart

8
von 10 Punkten

„Das ist doch Dan!“ Soeben hat ein unscheinbar wirkender Mann mit übergezogener Kapuze den Keller Klub verlassen, als sich schnell eine Traube um ihn schart. Das Gastspiel von Real Friends in Stuttgart beginnt damit an diesem Sonntagabend bereits vor Saalöffnung. Schüchtern schält sich ein blasser Real Friends-Frontman aus der Kapuze, schüttelt die Lockenmähne und lässt sich scheu mit einigen Fans fotografieren. Welche Energie in ihm steckt, sollte er noch beweisen – doch davon später mehr.

Zunächst betreten die Hamburger Jungs von Holly Would Surrender die Bühne. Die Band spielt Pop-Punk, der spürbar an kalifornische Vorbilder à la Blink 182, Fenix TX und New Found Glory erinnert, aber nicht ganz an sie heranreicht. Leider ist fast durchgängig nur die Lead-Gitarre zu hören, die Lyrics gehen im Soundbrei unter. Mit der ironischen Ansage: „Das wird der beste Song heute Abend, weil er nicht von uns ist“ verkauft sich die Band trotzdem unter Wert. Das „Boom Boom boom“-Cover von den Vengaboys (1998) ist zwar eingängig, doch der nachfolgende eigene Song von Holly Would Surrender hat deutlich mehr Ohrwurm-Potenzial.

Microwave aus den USA sind dann schon ein anderes Kaliber. Jeder Ton sitzt, die Gitarren sind perfekt abgemischt und selbst die gelegentlichen Wut- und Shoutausbrüche von Sänger Nathan Hardy fügen sich perfekt ins Bild. Die Band schafft im kleinen Keller Klub eine besondere, energiegeladene Atmosphäre. Die Erfolgssingle „Vomit“ schließt eine herausragende Performance ab. Von Microwave wird man hierzulande noch einiges hören.

Danach ist die Zeit für Real Friends gekommen: „I can feel a lot of love in this room“, sagt Sänger Dan Lambton verschmitzt. Ohne viel Gerede stürzt sich die Band ins neue Album “The Home inside my Head”. Schnell folgen die Singles „Empty Picture Frames“ und „Colder Quicker“, gefolgt vom älteren „Loose Ends“. Das Stuttgarter Publikum ist wie entfesselt, startet Pogos und kippt ständig vornüber auf die Bühne. Dan zeigt keinerlei Berührungsängste und streckt den Fans immer wieder das Mikro entgegen. Zwischendurch springt er wild headbangend über die Bühne und schleudert seine Lockenpracht.

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Während der ruhigeren Stellen geht seine Stimme fast komplett unter, da ihn die Gitarren übertönen. Dies bessert sich während des gesamten Konzerts kaum. Die textsicheren Schwaben leisten aber Hilfe. Besonders „I don’t love you anymore“ und „Summer“ werden abgefeiert.

Dan zeigt sich hoch erfreut, endlich Deutschland einen Besuch abstatten zu können: „Das einzig schlechte was ich über Deutschland sagen kann, ist dass man für die Toilette zahlen muss. Auf der Autobahn-Raststätte habe ich versucht mich reinzuschmuggeln, ohne zu bezahlen – Leider habe ich es nicht geschafft und wurde anschließend rausgeworfen.“

Der Sänger spricht auch offen über die Gründe für die Tourabsage im Dezember auf Grund seiner Depressionen: „Ich hatte Probleme mit mir selbst und meinem Kopf. Ich kann euch nur sagen, wenn ihr Probleme habt, sucht Hilfe. Geht zum Psychologen, redet darüber. Das macht euch als Person nicht weniger wert, als jemand ohne Depressionen. Auch Musik kann euch durch diesen Scheiß bringen. Wenn wir dieses Gefühl teilen, ist alles möglich!“

Nach rund 75 Minuten Spielzeit beenden Real Friends ihre rauschende Performance mit „Sixteen“. Eins ist sicher: Sie dürfen wieder kommen  – und zwar möglichst bald!

Hier gibt es die Fotos des Abends.

Unser Fazit


Gesamterlebnis
8
Preis/Leistung
8.5
Qualität
7
Atmosphäre
8.5